Das Stadtgeschichtliche Museum feiert 25 Jahre Wave-Gotik-Treffen mit einer Ausstellung und einem lesenswerten Begleitbuch

 

Sie kommen mit weiß geschminktem Gesicht und auftoupierten Haaren, in edler Spitze  oder in Lack und Latex : Seit der Gründung des Wave-Gotik-Treffens 1992 fluten alljährlich zu Pfingsten Tausende schwarz gewandete Gestalten die Sachsenmetropole Leipzig und halten Picknicks in den städtischen Parks, flanieren durch die Innenstadt oder lassen sich von den öffentlichen Verkehrsmitteln zu den rund 40 Veranstaltungsorten fahren. Mittlerweile hat das WGT sogar Einzug in die Stätten der Hochkultur wie die Oper oder das Schauspielhaus gehalten. Den Leipzigern ging schnell auf, dass sich hier keine Teufelsanbeter und Hexen zu obskuren Ritualen versammeln, sondern Menschen mit unterschiedlichen Musik- und Modevorlieben einfach eine gute Zeit haben wollen. Dass nebenbei auch noch rund 4,2 Millionen Euro mit dem Event eingenommen werden, wie die Industrie- und Handelskammer ausgerechnet hat, dürfte zur Akzeptanz nicht wenig beitragen.

 

Nun also 25 Jahre WGT. Das Stadtgeschichtliche Museum hat anlässlich des Jubiläums eine sehenswerte Ausstellung unter dem Titel „Leipzig in Schwarz“ zusammengestellt, die in enger Zusammenarbeit mit der Szene entwickelt wurde – aus den eigenen Beständen konnte man zu diesem Themenkomplex nicht schöpfen. So sieht man viele persönliche Erinnerungsstücke wie Eintrittskarten, Plakate, Zeitungsartikel und Fotos. Gerade die Gründungsphase, die die Mehrzahl heutiger Besucher nicht erlebt haben dürfte, wird ausführlich beleuchtet. In Ruhe kann man das alles noch einmal in dem Begleitband nachlesen: Die von der Stasi argwöhnisch beäugte Grufti-Szene der DDR driftete nach dem Mauerfall 1989 auseinander. In Leipzig - neben Berlin die Hochburg der alternativen Strömungen in der DDR - versuchten Waver Michael Brunner und The-Cure-Fan Sandro Standhaft einen Ort zu finden, um die Kinder der Nacht wieder zusammenzubringen.  Fündig wurden die beiden zunächst in der für Jugendarbeit genutzten "Villa", wo sie sogenannte "Wave & Body-Dance"-Parties veranstalteten. Bald darauf war die Idee eines Treffens geboren, das mehr sein sollte als eine Party mit Musik und Bier: So gehörte schon am Anfang ein mittelalterlicher Markt mit handgetöpferten Bechern dazu, natürlich nicht vergleichbar mit dem heutigen "Heidnischen Dorf" mit u.a. Badehaus, Lesungen, Lagerfeuer und rustikaler Gastronomie.

 

Von dem ursprünglichen Geist und Enthusiasmus, so sehen es viele ältere Teilnehmer, ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. „Das WGT ist im Grunde eine große Schlagerveranstaltung geworden. Die begreifen sich ebenso wie die Schlagerwelt als apolitisch, besingen zwar nicht die heile Sonnenwelt, sondern die kaputte oder schwarz-romantische Welt, aber im Prinzip ist es eine reine Schlagershow. Der gegengesellschaftliche Kern, den es mal gab, den gibt es nicht mehr“, wird im Ausstellungs-Band ein gewisser Arne Gräfrath zitiert. Jennifer Hoffert-Karas sieht im Gothic-Pogo-Festival - das begleitend zum WGT im Werk 2 im Leipziger Stadtteil Connewitz zu Musik und Tanz lädt - oder in kleinen parallel organisierten Parties, die im offiziellen Veranstaltungskalender nicht auftauchen, den Treffen-Gedanken von einst lebendig.

 

Ganz ohne Ressentiments geht es also im Jubiläumsband nicht. Der kann sich sowohl optisch wie auch inhaltlich sehen lassen: Zünftig in Schwarz gehalten, wird auf dem Cover geschmackvoll das Detail eines viktorianischen Kleides präsentiert. Der Innenteil ist reich bebildert und es macht Spaß, immer mal wieder hineinzublättern und sich das ein oder andere Fundstück oder Foto noch einmal genauer anzusehen. Den Hauptteil des Buchs stellt dabei die Zeitreise durch 25 Jahre WGT. Unbestritten einer der Höhepunkte war das Jahr 2000, als die Veranstalter nach finanziellem Miss-Management untergetaucht waren und es trotzdem nicht zum Chaos kam. Stattdessen konnte ein friedvoller Ausklang organisiert werden konnte, vor allem dank vieler Bands, die ohne Gage auftraten. Der historische Teil wird durch Essays etwa des Szene-Soziologen Alexander Nym ergänzt, der einleitend die offenbar niemals ausgereizte Selbstfindungsdiskussion aufgreift, also: Gibt es gemeinsame „schwarze“ Werte, was hält die Szene zusammen? Unbeantwortet bleibt allerdings die Frage, warum gerade in Deutschland diese Form der Alternativkultur in den letzten zwei Jahrzehnten einen solchen Zulauf erlebt hat, sodass Anhänger schwarzer Musikkultur aus Japan, den USA oder Brasilien anreisen, weil es Festivals dieser Art bei ihnen nicht gibt. Großformatige Fotografien von u.a. Mahmoud Dabdoub, der Gruftis in der DDR abgelichtet hat, und Gerd Lehmann, der die Szene seit 1994 begleitet, runden den Band stimmungsvoll ab. Hier sind gerade aufgrund der Schwarz-Weiß-Ästhetik einige schöne Entdeckungen zu machen, die nichts zu tun haben mit den grellen Bilderstrecken, derer sich die Medien gern bedienen um über das Treffen zu „berichten“.

 

Nicht ausgelassen wird in dem insgesamt lesenswerten Buch die wichtige Debatte um die Nazi-Ästhetik, die von Neofolk-Bands wie Death in June oder Laibach mal mehr, mal weniger doppelbödig eingesetzt wird, um Schock-Momente zu produzieren. „Indem man 'vom Rüschenhemd zur Uniform' wechselte, ließ sich (...) auch die szenetypisch sinistre Mischung aus elitärer Distanzierung, provokanter Bedrohlichkeit und versnobter Exklusivität aufrecht erhalten und sowohl der Schwarzen Szene als auch der Mehrheitsgesellschaft einen ätzenden Kommentar zur Konformität im Invididualisierungszwang der modernen Konsumkultur entgegen halten“, schlüsselt Nym geistreich auf. Wie viel Oppositionsgeist man Musikern und Fans auch unterstellen mag - wenn sich zu einer Band wie der russischen Majdanek Waltz im vergangenen Jahr Männer und Frauen mit Fascho-Frisur und Springerstiefeln unters Publikum mischen, hinterlässt das doch einen bitteren Nachgeschmack und den Wunsch, die WGT-Veranstalter mögen sich doch in der Band-Auswahl etwas entschiedener positionieren.

 

Für viele ist das WGT, das mit 2000 Teilnehmern begann und sich heute bei rund 20000 Besuchern eingependelt hat, untrennbar mit Leipzig verbunden. In den Interviews am Ende des Bandes wird denn auch  die Frage gestellt, was diese Verknüpfung denn genau bedeutet. In den Antworten wird wiederholt die besondere Offenheit der Leipziger hervorgehoben, eine über Jahre gewachsene Toleranz, die es so in anderen Städten nicht gebe. Auch die Vielfalt der Veranstaltungsorte spielt eine Rolle. Man hätte sich dazu aber doch einen etwas größeren Beitrag gewünscht, wie er beispielsweise in der Ausgabe des "Pfingstgeflüsters" 2015 abgedruckt wurde, einer Zeitschrift, die seit zehn Jahren regelmäßig nach dem WGT Bilanz in Wort und Bild zieht. Shan Dark (www.der-schwarze-planet.de) lässt hier noch einmal ausführlich drei Gründe Revue passieren, warum das WGT nur in Leipzig gelingt:

1. Die Stadt hat Idealmaße: Leipzig ist weder zu groß noch zu klein für die Ausmaße eines derartigen Festivals. Zudem werden WGT-Gäste "einfach ins kulturelle Stadtgeschehen integriert". Mit WGT-Bändchen konnte man etwa an den Wagner-Festpielen oder den "25. Festtagen der Musik des Mittelalters und der Renaissance" teilnehmen.

2. Der ausgeprägte schwarze Untergrund: Vor und nach der Wende hatte die Szene mehr Substanz als in anderen Städten. Bereits zu DDR-Zeiten bestand eine gute Vernetzung und eine hohe Dichte an Clubs und entsprechenden Veranstaltungen. 

3. Die Aufgeschlossenheit der Leipziger Bürger: "Herzlichkeit, keine Berührungsängste und ein erhebliches Interesse bringen uns die Leipziger Jahr für Jahr entgegen", berichtet die Autorin, die von diesem positiven Zuspruch an ihrem Wohnort Mainz offenbar nur träumen kann.

 

Rodekamp, Volker / Nym, Alexander / Hoffert-Karas, Jennifer (Hrsg.): Leipzig in Schwarz. 25 Jahre Wave-Gotik-Treffen. Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig 9. März - 29. Mai 2016 (Veröffentlichung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig), Leipzig 2016, ISBN 978-3-910034-778, 15 €

 

 

 

Bild: Christoph Sandig
Bild: Christoph Sandig

Überraschende Korrespondenzen im Grassi: Ein Museumsführer anderer Art von Eva Maria Hoyer und Olaf Thormann

 

Im Grassi-Museum für Angewandte Kunst gibt es gleich zu Beginn der Ständigen Ausstellung einen Clash der Zivilisationen: Da stehen drei lebensgroße Frauen-Figuren aus Terrakotta des Berliner Bildhauers Robert Metzkes inmitten von Vitrinen mit antiker Töpfer- und Bronzeware. Die Zusammenstellung ist nicht beliebig: Die modernen Skulpturen schaffen eine Brücke zum Altertum, das seine Menschenbilder mit kräftigen Farben gestaltete. Der Dialog der Zeitläufte bleibt allerdings ein Einzelfall: Von hier an geht es streng chronologisch durch die insgesamt drei Ausstellungs-Rundgänge „Antike bis Historismus“, „Asiatische Kunst“ und „Jugendstil bis Gegenwart“.

 

Eine Alternative zum chronologischen Rundgang-Konzept schafft jetzt die Publikation „Einblicke/Durchblicke“ (Arnoldsche Verlagsanstalt). Der äußerst anregende „Parcours durch die Sammlungen“ setzt konsequent auf Gegenüberstellung: Eine „gedrehte Schraubflasche“ aus gegossenem Zinn – innerhalb der Ausstellung zusammen mit anderen Trinkgefäßen aus dem 18. Jahrhundert in langen Glasvitrinen präsentiert – trifft hier auf das „Wundertütenkleid“ von Olga von Moorende, das 1998 im Rahmen der Grassimesse erworben wurde. An anderer Stelle wird ein Detail des über 6 Meter laufenden Schnitzlack-Stellschirms aus der Qing-Dynastie mit einem blassblauen Becher aus Opalglas konfrontiert, der im Venedig des 17. Jahrhunderts gefertigt wurde. Ist es beim ersten Beispiel eine Korrespondenz in der formalen Gestaltung, so beim zweiten eine thematische Annäherung: Der venezianische Becher stellt Neptun und seine Begleiter – Tritonen und Nereiden – dar, das Detail des Stellschirms zeigt passenderweise ein Wellenmotiv.

 

Und so assoziieren die Herausgeberin und ehemalige Direktorin Eva Maria Hoyer sowie der amtierende Chef des Grassi-Museums für Angewandte Kunst, Olaf Thormann, munter durch das Repertoire, lösen einzelne Objekte aus ihrer musealen Umgebung und schaffen überraschende Dialoge, oft über Jahrhunderte und über Kulturräume hinweg. Da kann es durchaus zu überraschenden Einsichten kommen: Die streng geformte Porzellanschale aus dem China des 14. Jahrhundert scheint zusammen mit dem silbernen Mokkakännchen des am Bauhaus geschulten Helmut Senf ein und demselben ästhetischen Geist entsprungen. Die hergestellte Übereinstimmung ist mal mehr, mal weniger offensichtlich: Ganz zart kommt sie beispielsweise beim Wandbehang von Erwin Hahs (1925) und dem „Großen Pott“ von Ulla und Martin Kaufmann (1999) zum Tragen – als Stilmittel der Überlappung innerhalb der Struktur.

 

Das Konzept des Buchs wird wohltuend unterbrochen von Doppelseiten, die lediglich ein Objekt in den Fokus rücken, wie etwa eine Gliederpuppe aus dem 16. Jahrhundert, die zusätzlich zur vollständigen Aufnahme im Detail gezeigt wird, oder ein Prunkschloss aus dem 17. Jahrhundert, das sich in seinem ganzen schmiedeeisernen Formenreichtum präsentiert. Nur konsequent ist es, dass die Autoren auf umfangreiche Erläuterungen verzichten und jeweils nur wesentliche Angaben zum Objekt – wie Entstehungsdatum und Künstler – machen. Stattdessen setzen sie ganz auf das ästhetische Erlebnis von Form und Farbe. Wer das durchaus aufkommende Bedürfnis nach tiefergehenden Informationen hat, dem seien die entsprechenden Begleitbände zu den drei Rundgängen aus dem Leipziger Passage-Verlag empfohlen.

 

Eva Maria Hoyer (Hg.): Einblicke/Durchblicke. Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig. Ein Parcours durch die Sammlungen. Arnoldsche, Stuttgart 2015. Hardcover, 296 S., 39,80 Euro. ISBN 978-3-89790-457-6
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Bild: Tobias Prüwer
Bild: Tobias Prüwer

Das Buch zum Stadt-Jubiläum

 

Jubiläen wollen gefeiert werden. Das Buch „Weltnest Leipzig“ zum 1000. Geburtstag der Sachsen-Metropole tut dies mit bewusst inszeniertem Understatement: Auf dem Cover führt ein einsamer Fußweg vorbei an einer Brache mit Wildwuchs und einem verlassenen Fabrikgebäude, im Hintergrund ist städtisches Leben anhand einer Kreuzung und einem Park auszumachen. Erst ganz hinten, bereits unscharf, ein Leipziger Wahrzeichen: Der graue Uniriese. Einer gewissen Trostlosigkeit des Motivs waren sich die Macher des Buchs wohl bewusst und setzten ein sattes Rosa unter den Titel. Aufbruchsstimmung sieht aber doch anders aus.

Die Autoren wollen, wie es im Klappentext heißt, eine „Zwischenbilanz“ ziehen. Die Frage, die sich Tobias Prüfer – bekannt vom Kreuzer – Franziska Reif und Tim Tepper stellen: Wird die vor 1000 Jahren im „Dreistromland“ von Parthe, Pleiße und Elster gegründete Stadt den ihr im Laufe der Zeit angehängten Synonymen gerecht? Als da beispielsweise wären: Messestadt, Heldenstadt, Boomtown und Buchstadt. Diese Etiketten – insgesamt sind es 13 – bilden die Matrix, innerhalb der sich die Autoren mit ihren prägnanten Essays zu Historie und Gegenwart von Leipzig bewegen.

 

Es ist wahrlich ein Füllhorn, das in den insgesamt 358 Seiten über dem Leser ausgeschüttet wird: Da erfährt man, dass der Leipziger Zoo als „bedeutendste Kultureinrichtung“ der Stadt seine ersten großen Erfolge mit Menschenschauen feierte, dass das Literaturinstitut gar nicht so schlecht ist wie sein Ruf oder wie das in Leipzig Schule machende Wächterhaus-Modell ungewollt zur Gentrifizierung beiträgt. Man lernt, dass Leipzig nicht nur Helden-, sondern auch Heldinnenstadt ist, weil hier die Frauenbewegung mit dem Dreigestirn Louise Otto-Peters (Herausgeberin der „Frauenzeitung“), Auguste Schmidt (Gründerin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins) und Henriette Goldschmidt (Gründerin der ersten deutschen Hochschule für Frauen) ihren Anfang nahm. Oder dass das Orchideenwäldchen am Störmthaler See ein Drittel aller in Deutschland vorkommenden Orchideenarten beherbergt. Und wer schon immer mal wissen wollte, was es mit den barocken Skulpturen inmitten von DDR-Platten am Dorotheenplatz auf sich hat, wird auch darauf eine Antwort bekommen.

 

So groß der Erkenntnisgewinn auch im Detail ist – das angekündigte Vorhaben, die Etiketten einer Prüfung zu unterziehen, wird nicht durchgehalten. Nur hin und wieder findet eine explizite Einordnung statt, etwa wenn im Kapitel „Kulturstadt“ infolge der desaströsen Kulturpolitik geschlussfolgert wird: „Der Kulturstandort Leipzig ist beschädigt, auch wenn es immer noch ein recht pralles kulturelles Leben gibt.“ Oft genug bleibt es dem Leser überlassen, sich aus den einzelnen Feldstudien sein Urteil zu bilden – was letztlich auch deshalb schwierig ist, weil Zuschreibungen wie Messestadt oder Industriestadt ihre historische Berechtigung haben, auch wenn sie heute wenig oder keine Geltung mehr beanspruchen dürfen.

 

Dem Lesegenuss tut das letztlich aber keinen Abbruch. Die Texte sind mit viel Sachkenntnis, vor allem aber mit wohltuendem, auch kritischem Abstand geschrieben. Eine Lobhudelei findet hier nicht statt. Die Autoren reiben sich an der Stadt und ihren Widersprüchen, etwa der Tatsache, dass religiöse Aufgeklärtheit – in Leipzig wurde der erste deutschsprachige Koran verlegt und die erste buddhistische Gemeinde in Europa gegründet – und Weltoffenheit nicht Hand in Hand gehen müssen: 58 der 223 rechtsmotivierten Angriffe in Sachsen im Jahr 2013 ereigneten sich in Leipzig. Einer von vielen Höhepunkten des Buchs ist mit „Bohei um den Ring“ überschrieben, eine deftige Persiflage der von der städtischen Tourismus und Marketing GmbH ausgerichteten „Gedenkfestspiele“ zur Friedlichen Revolution. Und wie ein kreativer Umgang mit Superlativen aussehen kann, von denen Leipzig bekanntlich viele zu bieten hat, zeigt ein Text so ziemlich am Ende des Buchs, in dem es u.a. heißt: „Was hilft es, wenn das älteste Zeitungskundliche Institut Deutschlands hier gegründet wurde, sich heute aber der Studiengang Journalistik an der Uni de facto selbst abschafft, weil man hier lieber PR-Profis ausbilden will?“

 

„Weltnest Leipzig“ - der Titel dieses sehr lesenswerten Jubiläumsbuchs soll auf die Gespaltenheit der Stadt zwischen Hybris (Stichwort Olympiabewerbung) und Nörgelei hinweisen: Unzufrieden mit den Obrigkeiten, haben sich die Bürger hier immer wieder durchzusetzen gewusst. Leuchtende Beispiele für bürgerschaftliches Engagement waren nach dem 9. Oktober 1989 etwa die Schließung des Tagebaus Cospuden im Jahr 1990 oder aktuell der Parkbogen Ost, dessen Vision die Quartiersentwicklung im Leipziger Osten vorantreibt. Darauf eine Leipziger Gose!

 

Tobias Prüwer, Franziska Reif, Tim Tepper: Weltnest Leipzig. Das Buch für die nächsten 1000 Jahre. Salier Verlag, Leipzig 2015. Klappenbroschur, ca. 400 S., 18 Euro. ISBN 978-3-943539-41-7

 

Lesetipps:

>Kapitel Aliasstadt: Selleriebauern und Hexentanzplätze – Stadtteilnamen sind als Bruchstücke der Besiedlungsgeschichte erhalten. Dank der Sorben zischt und reibt es in der Tieflandbucht

>Kapitel Pelzstadt: Neulich am Rabenstein – Von Galgenvögeln, Schwarzschwingern und einer Süßspeise

> Kapitel Buchstadt: Club der drögen Dichter? - Für Absolventen wie Clemens Meyer und Juli Zeh gefeiert, wird das Deutsche Literaturinstitut aber auch mitschuldig am Erfolg braver Gegenwartsliteratur gemacht. Ein Besuch an der Schreibschule

>Kapitel Bürgerstadt: Bohei um den Ring – Alles ist erleuchtet. Wie der 9. Oktober noch schmucker sein könnte. Ein paar Visionen; Im Osten was Neues – Mit dem Parkbogen Ost gedeiht aus einer Bürgeridee ein Stadtentwicklungskonzept zum Mitmachen

>Kap. Industriestadt Beim Pumpen vereint: Delphine, Löwen und Vögel– Die Handschwengel- pumpen versorgten einst die Stadt mit Wasser und sind heute eine Rarität

>Kapitel Grünstadt Im Tode vereint: Kapitalisten und Kommunisten, Künstler und Krieger, Kleingeister und Kritiker– Bei einem Spaziergang über den Südfriedhof wird Geschichte, nunja, lebendig

>Kapitel Boomtown Der Nicht-Ort– Im Güterverkehrszentrum herrscht permanente Bewegung. Der Transitraum im Leipziger Norden zieht rund um die Uhr Warenströme und Arbeitnehmer an – eine Ortserkundung mit dem Fahrrad

>Kapitel Heldenstadt Anständig aufständisch – Heldenstadt? Nicht nur Helden, auch Heldinnen, die wesentlich für Frauenrechte waren. Und Jugendliche, die Freiheit und Emanzipation im Sinne hatten

>Kap. Wissensstadt Nur psychisch bedingt – Seelenkunde und Psychiatrie: von der Vermessung der Sinnesreize zur kognitiven Neurowissenschaft; Allerlei Superlative – Messen, vergleichen, übertreffen: Für alle, die Rekorde schätzen

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Bild: Arno Specht
Bild: Arno Specht

Arno Specht und Uwe Schimunek haben ein lesenswertes Buch zu modernen Ruinen in Leipzig geschrieben

 

„Schattenwelten“, „Lost Places“ oder besonders poetisch: „Die vergessenen Orte der Arbeit“. All das sind Bücher, die sich – meist mit dem Fokus auf schönen Fotografien – mit maroden Gebäuden beschäftigen. Der Jaron Verlag hat sich für eine entprechende Reihe über moderne Ruinen in Berlin, Dresden und jetzt auch Leipzig den eigentümlichen Namen „Geisterstätten“ ausgedacht: „Orte, die einst von Bedeutung waren, heute aber nur noch von ihrer Vergangenheit erzählen“, ist auf dem Rücken zu lesen. Ich hatte, auch aufgrund der Covergestaltung, sofort die Assoziation von Halloween und Gespenstergeschichten: Die bröckelnden, tänzelnden Buchstaben des Titels, die wilde Farbästhetik zwischen weiß, schwarz, giftgrün und rosa – das verführt nicht unbedingt zum Aufschlagen und Anschauen.

 

Zum Glück löst der Inhalt nicht ein, was das Cover androht. Im Gegenteil: Die Autoren Arno Specht und Uwe Schimunek laden zu einem äußerst informativen Rundgang durch vierzehn Orte ein, die vom Verfall gezeichnet sind, darunter das Gästehaus des DDR-Ministerrats an der Schwägrichenstraße , das Wasserwerk in Espenhain und die Sternburg-Brauerei in Lützschena. Die Begehung vor Ort mit umfassender Schilderung der damit verbundenen Sinneseindrücke wird ergänzt durch Hintergrundgeschichten. Wer weiß schon, dass zu den Insassen der Heilanstalt Dösen, die im wahrsten Sinne des Wortes vor sich indöst, auch die wiederentdeckte Mundartdichterin Lene Voigt gehörte.  Auch vorgefundene Details sind Aufhänger für Histörchen: Im Leitstand der alten Produktionshalle der ehemaligen VEB Galvanotechnik etwa hängt noch ein Udo-Lindenberg-Poster aus den 80er Jahren, als der schnoddrige Sänger seinen ersten (und einzigen) Auftritt in Ostberlin hatte.

 

An den kundig geschriebenen Texten sind mir immer wieder die besonders atmosphärischen Einleitungen aufgefallen, zwei Kostproben: Schimunek schildert eine typische Hinterhofidylle in der Südvorstadt mit spielenden Kindern. Dann heißt es: „Wenn dem Jungen der Ball über den Spann rutscht, dann segelt die Kugel vielleicht in hohem Bogen an der Mauer vorbei über einen Zaun aus Gusseisen. Nun müsste der junge Fußballer klettern, hinüber in eine längst vergangene Welt – in die Welt der Brauereimaschinenfabrik Oscar Bothner“. Und Arno Specht leitet einige Seiten weiter den Abschnitt über die frühere Heeresbäckerei in der Olbrichtstraße mit diesen Worten ein: „Der Duft ist geblieben. Er hat Jahrzehnte überdauert. Er weht durch endlose Speicherböden und verwinkelte Treppenhäuser. Er hängt in alten Gerätschaften und verbogenen Rohren. Es ist ein Duft, der an Landleben und Natur erinnert. Es ist der Duft von Getreide.“

 

Die Fotografien von Babett Köhler, Adrian und Arno Specht sind hinsichtlich der Motiv-Wahl und Qualität sehr gelungen, können aber in dem Buchformat ihr Potenzial leider nur beschränkt entfalten. Trotzdem: Das Verhältnis zwischen Text und Fotografien ist ausgewogen, wohingegen in den eingangs erwähnten Büchern das Bildelement dominiert.

 

Eine „risikofreie Reise“ will dieser Band laut Vorwort sein, da die tatsächliche Erkundung vor Ort zahlreiche Gefahren in Form von „rostigen Treppen, fauligen Böden, schimmelüberwucherten Kellern und eingestürzten Dachkonstruktionen“ birgt. Konsequent sollte deshalb im Text auf Wegbeschreibungen und Einstiegs-Tipps verzichtet werden. An einer Stelle hat sich so ein Tipp allerdings doch eingeschlichen. Ins Innere des Bugra-Messehauses führt ein „zerbrochenes Kellerfenster, durch das man in einen tiefen Schacht gelangt“. Und ganz ehrlich: Wenn man nicht schon vorher am Fieber der Industrieromantik erkrankt ist und hin und wieder seine persönlichen Lieblingsorte aufsucht, dann macht dieses Buch erst recht neugierig. Und so würde ich es auch nutzen: Als Inspiration davor oder zum Vertiefen danach.

 

Arno Specht, Uwe Schimunek: Geisterstätten Leipzig. Vergessene Orte. Jaron Verlag, Berlin 2014. Broschur, 96 S., 89 Farbfotos, 12,95 Euro. ISBN 978-3-89773-928-4