Tagebau revisited & andere "Blickwechsel"

Die Fotografin Karin Wieckhorst beim Umhängen
Die Fotografin Karin Wieckhorst beim Umhängen

Der ehemalige Tagebau in Cospuden war kurz nach der Stillegung Ende der 80er Jahre eine melancholisch-düstere Mondlandschaft, voller Berge, Täler und Krater. Marion Wenzel hat das damals in atmosphärischen Schwarzweiß-Bildern festgehalten; zehn Jahre später ging sie wieder mit dem Farbfilm los und dokumentierte den Wandel zum blühenden Neuseenland. Zu sehen ist diese Gegenüberstellung in der Ausstellung "Paradigma_Blickwechsel", die bis zum 30. Oktober im Tapetenwerk läuft (http://tapetenwerk.de/aktuell_2015/paradigma-blickwechsel.html).

 

Insgesamt acht Leipziger Fotografen rollen nochmal den tristen DDR-Alltag auf oder werfen kritische bis heitere Blicke auf die bunte (Konsum-)Welt des Heute: Zerbrochene Fenster sind in einer Serie von Gudrun Vogel Sinnbild für den Verfall – hier den der alten Nikolaischule, die heute in restauriertem Glanz erstrahlt. Armin Kühne hat im vergangenen Sommer eine traurige Entdeckung im Elsterbecken unterhalb der Zeppelinbrücke gemacht: Entsorgte Fahrräder treiben dort – als Müll der Überflussgesellschaft – im Schlamm, was im Bild gebannt durchaus seinen ästhetischen Reiz hat. Und Karin Wieckhorst - die während der Vernissage eben mal schnell die Hängung korrigiert (s. Foto) – hat 1993, kurz nach den Anschlägen in Rostock und Hoyerswerda, das Asylbewerberheim im zwischenzeitlich stillgelegten Kraftwerk Lippendorf vor den Toren Leipzigs besucht. Die Fotografin hat wunderbar die Trostlosigkeit der Unterbringung eingefangen, in der die aus aller Welt Gestrandeten so etwas wie Normalität zu leben versuchten.

 

Den Kontrast zur Leipziger Fotografenszene bilden die Arbeiten internationaler "Gastkünstler", die sie während ihres Aufenthalts auf dem Gelände der Baumwollspinnerei verwirklicht haben. Dass hier in verschiedensten Medien (Video, Fotografie, Malerei) ein nochmals anderer Blick auf Leipzig geworfen wird, kann leider nur eingeschränkt behauptet werden. Einige Werke sind einfach nur sehr introspektiv wie das mit Buntstiften gezeichnete "Stimmungstagebuch" der georgischen Künstlerin Luiza Laperadze. Oder sie bleiben auf den Arbeitsort der Künstler, die Spinnerei, beschränkt, wie die Zeichnungen der Chilenin Catalina Bauer oder die Radierungen der US-Amerikanerin Kylie Lefkowitz. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Stadt hat nur der Italiener Francesco Cincotta gesucht, der verschiedene Eindrücke zu einem Video zusammengefasst hat. Einige Szenen des mit "Destino" ("Schicksal") betitelten Werks seien mit Shakespeare-Zitaten unterlegt, erläutert die Geschäftsführerin des 2007 gegründeten "Leipzig International Art Programme" (LIAp), Anna-Louise Rolland, während eines Rundgangs durch den von ihr kuratierten Ausstellungsteil. Diese Zitate sind während der gut besuchten Vernissage leider nur als undurchdringliches Murmeln aus den zwei kleinen Lautsprechern zu vernehmen.

 

Also: Nochmal herkommen und vor allem die wunderbaren Leipzig-Fotos bei weniger Gedränge und ohne sektberauschte Ü-60er-Grüppchen anschauen.

 

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