Alte Eichen statt Linden

„Leipzig ist immer für eine Überraschung gut. Plötzlich zaubert die Stadt ein 1000-Jahr-Jubiläum aus dem Hut. Wie kann das sein? Schließlich hat sie doch 1965 ihren erst 800. Geburtstag gefeiert“, wunderte sich nicht nur die Stuttgarter Zeitung über das diesjährige Jubiläum mit den imposanten drei Nullen. Beim Rundgang durch die gerade eröffnete Ausstellung „1015. Leipzig von Anfang an“ im Neubau des Stadtgeschichtlichen Museums relativiert Kuratorin Maike Günther: Die „urbs Libzi“ wurde zwar 1015 erstmals urkundlich erwähnt, eine Stadt war sie aber damals beileibe noch nicht.

 

Allerdings zeigen die Ausgrabungen der letzten Jahre, dass das Gebiet der  damaligen Burg mit ihren umliegenden Gebäuden doch größer war als bislang angenommen und durchaus „eine Siedlung mit städtischem Charakter“ genannt werden kann, wie es im Begleitband heißt. Wie auch immer: Mit dem Stadtbrief, der 150 Jahre später ausgestellt wurde, begann die eigentliche Stadtgeschichte. Zu diesem Zeitpunkt ist Leipzig parzelliert worden und das uns heute bekannte Straßenraster der Innenstadt hat sich ausgebildet. Bis 1500 wurden dann viele der Meilensteine gesetzt, die Leipzigs Identität bis heute ausmachen: Universitätsstadt, Stadt des Buch(druck)s und des Handels.

 

Die Ausstellung präsentiert neben selten im Original zu sehenden Dokumenten aus den Archiven viele archäologische, ja „sensationelle“ Funde, auch aus der Zeit der frühesten Besiedlung. So stieß man beim Aushub für den neuen Elstermühlgraben 2005 auf eine über 3000 Jahre alte Eiche. Die Kuratorin: „Dass sich das Holz so gut erhalten konnte, liegt daran, dass es sacknass gewesen ist, und zwar die ganze Zeit“. Neben der Eiche waren sieben bronzene Halsringe aus der jüngeren Bronzezeit (1000-750 v. Chr.) abgelegt – wahrscheinlich Gaben, um das Hochwasser zu besänftigen. Die natürlichen Gegebenheiten – auf einer Karte wird dargestellt, wie Leipzig sich inmitten von „feuchten Niederungen“ positioniert – haben nicht nur die Erhaltung organischer Materialien begünstigt. Sie sind auch für die ursprüngliche Bedeutung des Ortsnamens verantwortlich. Die ursprüngliche indogermanische Bezeichnung heißt übersetzt soviel wie „schmutziges Wasser“. Erst die Sorben machten daraus „Libzi“, also Ort "bei den Linden“. Wie die Archäologie auch mit anderen Disziplinen im wahrsten Sinne des Wortes fruchtbar zusammenarbeitet, zeigen Auswertungen von Pflanzensamen, die bei Ausgrabungen in der Leipziger Innenstadt in den Jahren 2012 bis 2014 gefunden wurden. Mithilfe der Botaniker konnten Einblicke in verschiedene Aspekte mittelalterlichen Lebens gewonnen werden. So konnte das Mutterkorn nachgewiesen werden – ein auf Getreide parasitierender Pilz, der unter dem Namen „Antoniusfeuer“ Vergiftungs-Epidemien entfachte.

 

>Zur Ausstellung: http://www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de/site_deutsch/ausstellungen/2015_in_urbe_libzi.php

>Zum multimedialen MDR-Beitrag: http://www.mdr.de/kultur/leipzig-von-anfang-an104.html

>Zum Artikel der Stuttgarter Zeitung: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.jubilaeum-in-leipzig-ploetzlich-1000-jahre-alt.afd6be3b-6a68-4807-a6b1-3e0809b703ca.html

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