„Und jetzt, bitte schön, meine Auferstehung!“

„Wir gehen mal ganz kurz hier rein, ich will euch mal was zeigen“. Bei der Führung über den Leipziger Südfriedhof geht es an diesem Sonntag ziemlich assoziativ zu. Alfred E. Otto Paul, ein rustikaler Typ um die 60 mit verblichenen Tätowierungen auf den Unterarmen, läuft im Sauseschritt voran. Zwei Stunden hat er Zeit, um uns einen Einblick in seine Welt zu geben: Seit fast drei Jahrzehnten beschäftigt sich der „Sepulkralforscher“ mit dem Begräbniswesen der Stadt Leipzig. Vom Hauptweg geht es rechts ab, durch Formationen 100-jähriger Rhododendren hindurch. Wir stehen – im Schatten des Völkerschlachtdenkmals – vor der Ruhestätte der Familie Curt Rüdinger: Ein breitgezogener Granit-Sockel, aus dem sich - „wie eine Königin auf einem Thron“ - die 1907 verstorbene Emma Rüdinger als junge Frau in Südtiroler Marmor erhebt. Ein wahrlich luxuriöses Grab, dass Ehemann Curt nur deshalb finanzieren konnte, weil er im Todesjahr seiner Frau plötzlich im Lotto gewann. Und so finden die Rüdingers bis heute ihre letzte Ruhe unter dieser schönen Frauenstatue, die von Robert Schenker, dem Bildhauer der Wächterfiguren am Völkerschlachtdenkmal, gestaltet wurde.

Hinter jedem Grab eine Geschichte, so möchte man meinen, wenn man mit Alfred E. Otto Paul über den Südfriedhof spaziert und dessen plötzlicher Eingebung folgend mal nach rechts, mal nach links abzweigt. Paul, der einst technischer Direktor der kommunalen Friedhöfe Leipzigs war, hat im Eigenverlag bereits mehrere Bände zu Kunstschätzen auf Leipziger Friedhöfen herausgebracht, die er während der Führung unterm Arm trägt und immer mal wieder daraus vorliest. Paul ist auch Gründer und Vorsitzender der Paul-Benndorf-Gesellschaft, die sich seit 2008 um Erhaltung und Pflege historischer Friedhofsanlagen verdient macht. Weil die Mitgliedsbeiträge die Restauration heruntergekommener Gräber ermöglichen, würde er uns am liebsten alle auf der Stelle werben.

Eine von der Zeit gezeichnete Grabstelle, um die sich die Ahnen nicht mehr kümmern, ist die von Albert Böhme, dem einstigen Inhaber der Delitzscher Schokoladenfabrik. Der Elfenbeinmarmor der Gruftabdeckung ist kaum mehr als solcher auszumachen. Darunter soll sich allerdings eine „königliche Nekropole“ befinden, die 13 Meter in die Tiefe ragt und mit geschliffenem römischen Travertin ausgekleidet ist – ein Stein, der auch für das Kolosseum und die St. Peterskirche in Rom verwendet wurde. Wie viele seiner vermögenden Zeitgenossen kümmerte sich auch Böhme bereits zu Lebzeiten um eine repräsentative Grabstelle. „Und jetzt, bitte schön, meine Auferstehung!“, ahmt Paul den Schokoladenfabrikanten nach, der damals zu Albrecht Leistner ging – dem nach dem Tod Max Klingers anerkanntesten Bildhauer in Leipzig –, um eine Statue formen zu lassen, die Böhme und seine Frau in ihren besten Jahren zeigt, nackt und in inniger Umarmung gen Himmel strebend.

 Wir laufen um das Herzstück des Südfriedhofs, die Kapellenanlage, herum, deren architektonisches Vorbild das  Kloster Maria Laach in der Eifel sein soll. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Grabstein von Ernst und Pauline Ulbricht, den Eltern Walter Ulbrichts – ein „Husarenstück“, über das sich Paul nach wie vor amüsieren kann: Nicht nur das Goethe-Zitat - „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ -, auch die auf dem Porphyrgranit angebrachte Luther-Rosette will so gar nicht zum Kommunisten und „großen Atheisten“ Ulbricht passen. Es ist Paul bis heute ein Rätsel, wie der Obermeister der damaligen Bildhauerinnung, Gerhard Liebold, damit durchgekommen ist.

 

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