Feiern im Verfall

Die untergehende DDR in Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten haben ja so einige Fotografen, aber wohl kaum jemand mit so viel Humor wie Harald Hauswald. Im Haus des Buches sind noch bis Ende Juni seine Fotos aus dem Band „Vor Zeiten. Alltag im Osten“ zu sehen, der im Leipziger Lehmstedt Verlag erschienen ist. Eines von Hauswalds bekanntesten Bildern: Die vor einem Regenguss flüchtenden Fahnenträger einer 1. Mai-Demonstration, Titel „Fahnenflucht“.

 

 Zur Vernissage am 7. Mai ist „Zeit“-Autor Christoph Dieckmann angereist, der Hauswald noch aus ganz frühen Tagen kennt und einige Geschichten mit ihm zusammen realisiert hat. „Seine Bilder zeigen im Speziellen, was im Allgemeinen jeder wusste: Dieser Staat verrottete“, so Dieckmann über den in Radebeul geborenen und seit 1977 in Berlin lebenden Fotografen. Dort, „nahe der Machtzentrale“, kollidierte der „Anspruch des sozialistischen Staates besonders drastisch mit der Wirklichkeit“ - weshalb Hauswald, der diese Wirklichkeit ungeschönt ablichtete, der DDR als „feindlich-negatives Element“ galt.

 

Verfall, Suff, ramponierte Existenzen, aber auch trotzige, feiernde, lachende Menschen sind auf Hauswalds Bildern zu sehen. Viele Kinder, die sich auf eigene Faust Straßen und Hinterhöfe als Abenteuerspielplätze erobern – in der heute überbeschützten Kindheit undenkbar. Und viele alte Menschen, die sich einsam durch den DDR-Alltag schleppen, aber auch tanzend auf Festen zusammenfinden. Der humoristische Funke entspringt dabei nicht nur der Situationskomik, sondern auch den Kontrasten, die Hauswald einfängt: Da wird vor den Ruinen des Prenzlauer Bergs mit „Wohnkultur“ geworben. Oder die heruntergekommene Reklametafel eines Nähmaschinengeschäfts verspricht „Reparaturen sämtl. Systeme“.

 

Hauswald hat vor Kurzem seinen 60. Geburtstag gefeiert. Er fotografiert weiterhin, ist aber vor allem damit beschäftigt sein riesiges Archiv aufzuarbeiten, wie er mir später erzählt, als ich mir einen Fotoband von ihm signieren lasse. „Ich will ja auch den Nachwuchsfotografen eine Chance geben“, lacht er verschmitzt. Bis heute hat er über 250 Einzelausstellungen gehabt. Wenn es nach mir ginge, könnten es ruhig noch ein paar mehr werden.

 

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