Bahnfahren auf der Bugra

Von der Bugra, der „Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“, die 1914 mehr als 2,3 Mio Menschen nach Leipzig lockte, ist heute nicht mehr viel übrig: Ein Schienenstrang, auf dem eine „Panoramabahn“ die Leute umherkutschiert hat, oder die von Wilhelm Kreis entworfene „Halle der Kultur“ (heute: Alte Messe, Halle 16). Zwischen Deutschem Platz und Völkerschlachtdenkmal präsentierten damals auf 400000 Quadratmetern 22 Nationen ihre Leistungen und Produkte rund um Buch, Druck und Schrift.

 

Stephanie Jacobs, Leiterin des Buch- und Schriftmuseums, ist deshalb ziemlich stolz darauf, wie viele Exponate für die gerade eröffnete Bugra-Ausstellung aus den Magazinen des Museums zusammengetragen werden konnten. Ihr Lieblingsobjekt, das zunächst gar nichts mit Büchern und Schrift zu tun zu haben scheint: Ein hölzernes Gefäß aus dem damaligen „Chinesischen Gelehrtenhaus“, aus dem das Zirpen einer Grille zu hören ist. „Wasserpfeifen, die mit Hasch gestopft wurden, und die Laute einer gefangenen Grille haben die chinesischen Gelehrten bei ihrer Arbeit inspiriert“, erläutert Jacobs. Auch zwei eigenhändig vom chinesischen Kaiser signierte Schmuckrollen sind zu sehen.

 Das „chinesische Gelehrtenhaus“ war Teil der „Halle der Kultur“, dem Zentrum der Bugra, das mit Objekten aus 5000-jähriger Menschheitsgeschichte aufwartete. Bildung war aber nicht alles auf der Bugra: Zu den wichtigsten Attraktionen gehörten die Panoramabahn, das Wellenbad – als Teil eines Vergnügungsparks mitten im Messegelände –und ein Zeppelin. Auch die Elektrifizierung hielt die Leute noch in Atem: In vielen Zeitzeugenberichten ist von einem „gelben Heiligenschein“ die Rede, der die Messe in der Dämmerung in eine „wunderbare und animierende Farbhülle“ tauchte. Die Bugra-Ausstellung im Buch- und Schriftmuseum ist deshalb auch in gelb gehalten.

 

 Als im Juli die Schüsse in Sarajevo fielen, war es dann auch mit der Weltausstellung, die noch bis Oktober lief, mehr oder weniger vorbei. Die einander jetzt offen verfeindeten Nationen räumten ihre Pavillons auf der "Straße der Nationen" – die russische Delegation etwa musste in einer Nacht- und Nebelaktion unter Polizeischutz aus Leipzig hinausbefördert werden. Der hehre Ausspruch des Bugra-Präsidenten Ludwig Volkmann: „Nicht Pulver und Blei, sondern Lettern und Druckerschwärze mögen die Welt regieren“ war eben doch Wunschdenken gewesen.

 

 Zum Ende der spannenden Führung gibt es sogar noch ein Geschenk: Ein älterer Herr überreicht Stephanie Jacobs einen Briefumschlag mit einer Briefmarke, die er im Internet erstellt hat. Sie zeigt das Motiv der Bugra: Ein fackeltragender Jüngling auf dem Buchdrucker-Greif, der u.a. auf dem großen Ausstellungsplakat der Bugra 1914 zu sehen ist. Oh ja, darüber freut sich Frau Jacobs - auch wenn es kein wirkliches Sammlerobjekt ist.

 

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