Mystische Momente an der Peterskirche

Einer meiner Lieblingsorte in Leipzig ist die Peterskirche in der Südvorstadt. Mit ihren spitzen, gezackten Türmen, den großen Buntglasfenstern und den Wasserspeiern bringt sie einen Hauch Notre-Dame de Paris nach "Klein-Paris". Schon ewig hatte ich mir vorgenommen, eine Führung mit Turmbesteigung mitzumachen - heute endlich ist es soweit. Über die "höchste freistehende Wendeltreppe Sachsens" soll es 88 Meter in die Höhe gehen.

 

Zunächst ist aber erstmal eine Besichtigung der Kirche angesagt. Dass man im Innern gern wandelt und sich so gar nicht erdrückt fühlt von allerlei Pracht und monumentaler Größe, hat nicht nur mit der noch laufenden Sanierung zu tun: Das Mittelschiff ist großzügig und "luftig" gehalten, die Spannweite übertrifft sogar die des Kölner Doms um 3,5 Meter. Durch die riesigen Buntglasfenster strömen die Sonnenstrahlen ungehindert ins Innere und machen das Blitzlicht beim Fotografieren überflüssig. Wie die Räumlichkeiten ursprünglich, also vor der Bombardierung 1943 aussahen, zeigt die Taufkapelle, die bereits detailgetreu in bunten Farben restauriert worden ist.

 

Thomas, der uns fast zwei Stunden durch und um die Kirche herum führt, gibt Anekdoten aus DDR-Zeiten zum Besten. Im undichten Dach sammelte sich so viel Taubenkot an, dass er nach der Wende Containerweise abtransportiert werden musste. Außerdem musste man sich zeitweise vor herabfallenden Dachziegeln in Acht nehmen. Wer gegenüber im Flower Power die Nächte durchzechte, hatte aber auch seine mystischen Erlebnisse. So meinte Thomas, wenn er morgens um 4 aus der Kneipe trat, den hoch oben thronenden Engel schweben zu sehen. Denn die aus Zement und Acrylharz gefertigte Figur hob sich strahlend von dem damals ziemlich heruntergekommenen Sakralbau ab.

 

Etwas mulmig ist mir dann schon zumute, als ich die freistehende Wendeltreppe nach oben steige. 112 Stufen, vorbei an den großen Stahlglocken, die alle Viertelstunde läuten. Auf den letzten Metern verengt sich das Gerüst merklich, vor mir schiebt sich der Hintern einer Dame gerade so zwischen Mittelstrebe und Geländer auf die finale Plattform. Hier öffnen sich massive Holztüren in alle vier Himmelsrichtungen. Von der Balustrade rücken bei schönstem Frühlingswetter u.a. der Fockeberg oder die Kuppel des LVB-Gebäudes in greifbare Nähe.

 

Auf dem Weg nach unten atme ich tief durch. Ich steige auf einer Wendeltreppe in die Tiefe ins Nichts, daran können auch die schönen Buntglasfenster zu meiner rechten und linken nichts ändern. Meine Knie werden weich. Dass ich nicht wirklich schwindelfrei bin, wusste ich natürlich. Aber die Warnung, dass man diese Treppe dann lieber nicht hinaufsteigen sollte, hatte ich nicht allzu ernst genommen. Irgendwann bin ich wieder auf sicherem Boden angelangt und mache drei Kreuze. Dann nehme ich mir noch vor, bei einem der "Orgel-Punkt-Zwölf"-Konzerte reinzuschauen, die immer Donnerstags 12 Uhr stattfinden. Gespielt wird dann übrigens an der kleinen Jahn-Orgel, die 1968 aus der Paulinerkirche gerettet werden konnte.

 

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