Loft oder Lost

Auch ältere Herren treiben sich in ihrer Freizeit gern in Industriebrachen herum. „Da sind wir raufgeklettert und eingestiegen“, sagt Bernd Sikora (73) und deutet auf das Foto eines maroden Gebäudes. Der Architekturhistoriker führt durch die Ausstellung „Industriearchitektur in Sachsen“ im Museum für Druckkunst (noch bis Mitte Mai). Ein passender Veranstaltungsort – direkt gegenüber befinden sich die Buntgarnwerke, eine der größten Fabrikanlagen der Gründerzeit, heute ein schön anzusehender Komplex mit Loftwohnungen. So wie die Buntgarnwerke konnten viele Gebäude sächsischer Technik- und Industriegeschichte durch neue Nutzung gerettet werden. 2500 von den insgesamt rund 6000 Baudenkmälern sind allerdings vom Abriss bedroht. Wie lange sie wohl noch Abenteuerspielplatz für „Geocacher“ oder „Lost Places“-Fotografen und -Filmer (www.lostplace-dokfilm.de) sein werden?

 

Ob Loft oder lost – Sikora, der bereits mehrere Bücher zur Architektur in Leipzig veröffentlicht hat, will vor allem bauliche Veränderungen bewusst machen. Von der „sächsischen Palastarchitektur“ im Erzgebirge (ab 1799) geht es über den „Rundbogenstil“ im 19. Jahrhundert bis hin zur modernen Industriearchitektur der 20er und 30er Jahre, in Leipzig sind das etwa die Konsumzentrale von Fritz Höger oder die Großmarkthalle („Kohlrabizirkus“) von Hubert Ritter. Ein Schwerpunkt der Ausstellung sind die Gebäude aus der Zeit, als Leipzig noch Zentrum der Buchproduktion war. Unternehmen wie F. A. Brockhaus, Phillip Reclam oder Oscar Brandstetter ließen sich gigantische Industriepaläste bauen, und zwar in der Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Eisenbetonbauweise, die es ermöglichte, schwere Lasten über mehrere Etagen zu verteilen. Das in hellgelben Klinkern gehaltene „Reclam-Carrée “ ist heute Büro- und Geschäftshaus. Im Brandstetter-Haus, das reich verziert ist mit plastischen Darstellungen aus dem Buchgewerbe, sitzt die Handwerkskammer.

 

Für mich war die Ausstellung aber vor allem deshalb sehr sehenswert, weil sie viele Eindrücke über den Leipziger Tellerrand geliefert hat. Drei Beispiele: Der Uhrturm der Maschinenfabrik Schubert & Salzer in Chemnitz (www.chemnitztour.de), die Zigarettenfabrik Yenidze in Dresden (www.kuppelrestaurant.de) und die Strumpffabrik Götze in Oberlungwitz (www.industrie-kultur-ost.jimdo.com). Es bleibt also eine Menge zu entdecken!

Eine kleine Reise in die Vergangenheit der besonderen Art gibt es übrigens auf der Website www.aroma-fabrik.de. In einem zehnminütigen Stumm-Film präsentieren sich die Aromawerke Carl Heine & Co. (heute kann man hier „exklusive Loftwohnungen“ anmieten). Sehr amüsant: „Die Fabrikfeuerwehr bei der Übung“ oder der Transport der ätherischen Öle per Zeppelin nach Amerika.

 

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