Geschichte und Geschichten

Wir dürfen aufatmen: Der Trubel um 200 Jahre Völkerschlacht und 100 Jahre Denkmals-Einweihung ist vorbei. Was sich Erich Loest gewünscht hat, der sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, war eine ruhige, besonnene Auseinandersetzung mit dem Wahrzeichen Leipzigs. Er hat selbst dafür die beste Vorlage geliefert: Seinen Roman „Völkerschlachtdenkmal“:

 

Wir befinden uns in einem Stasi-Verhör in einer psychiatrischen Klinik in der DDR. Freedi, wie er von Familie und Freunden genannt wird, wurde festgenommen, weil er den Koloss mit Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg sprengen wollte. Warum? Der Denkmalswärter und gelernte Sprengmeister will erfahren haben, dass die Stollen unter dem Mahnmal als atomares Endlager missbraucht werden sollen. Damit war die Stadt „ihres Wahrzeichens nicht mehr wert“.

 

Dazu muss man wissen: Freedi ist nicht einfach nur Freedi, sondern trägt mit einigem Stolz den ausufernden Namen Carl Friedrich Fürchtegott Vojciech Felix Alfred Linden. Grund dafür ist eine abenteuerliche Abstammungsgeschichte, denn in Freedi sind gleich mehrere Menschenschicksale vereint – bzw. er hat sie sich mit einiger Lust am Fabulieren zusammengereimt. 1813 war er als Bauernsohn Carl Friedrich bei der Völkerschlacht dabei. Als Rittergutspächter Fürchtegott von Lindenau hatte er später die Idee, ein Denkmal aus den unzähligen Schädeln zu bauen, die auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben waren. Schließlich ist er als Pole Vojciech Machulski zusammen mit dem leiblichen Vater Felix Linden am Bau des Völkerschlachtdenkmals beteiligt gewesen.

 

Es ist sehr amüsant zu lesen, wie Loest 150-jährige Leipziger Historie mit eigenen Geschichten füllt. So ritzt der Proletarier Vojciech Machulski, der während der Gründerzeit fleißig am repräsentativen Stadtbild mitbaut, seine Initialen überall in „Holz, Stein oder Beton“. Im "bürgerlich-reaktionären" Völkerschlachtdenkmal hinterlässt er auch allerhand Spuren, klemmt Zettel mit sozialistischen Aufrufen zwischen die Granitquader oder gießt eine Konservendose mit einer Rede Liebknechts in die Vortreppe ein. Loest weiß: Das Verhältnis der Leipziger zu ihrem Wahrzeichen war nicht immer das beste. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg strichen sie es „aus ihrem Bewusstsein.“ Und natürlich wurde es immer umgedeutet, je nachdem, welchen politischen Zwecken es gerade dienen sollte. Fakt ist aber auch: Es ist „ein Stück deutscher Geschichte“, das man mit den Augen Freedis betrachtet sogar schön finden kann – „an einem Sommermorgen ganz zeitig, wenn es kühl und still ist, wenn Sonnenlicht durchs Ostfenster fällt“.

 

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