Kunst im Kindergarten

Ich bin zu Besuch im ersten Buchkindergarten Deutschlands, auf der Josephstraße in Leipzig. Neugierig nähere ich mich dem schwungvoll geschnittenen roten Neubau, der im Frühjahr eingeweiht worden ist: Hier sollen Kinder im zarten Alter von 4 bis 7 Jahren selbst Bücher herstellen. Schon von außen kann man durch eine breite Fensterfront ins Herzstück des Kindergartens sehen - die Buchwerkstatt -, wo fleißig gewerkelt wird. Auffällig sind die raumgreifenden Gerätschaften: Ein großer Tisch, auf dem unzählige Farbtuben und Walzen herumliegen, verschiedene Druckerpressen und -walzen, eine große Schneidemaschine. Dazwischen: sitzende, stehende, umherlaufende Kinder, die eine ordentliche Geräuschkulisse produzieren.

 

Joana (5) hat einen Linolschnitt hergestellt und zeigt mir gleich mal, wie daraus ein Bild wird: Farbe drauf, ein weißes Blatt drüber und ab durch die Walze. Dann kommt alles in eine Kiste, in der Joana ihre kleinen Kunstwerke aufbewahrt. Weniger diszipliniert geht es am Farbtisch zu, wo drei bunt bekleckste Mädchen ihre Hände in Rot, Grün, Gelb tauchen. Konstantin (26) hat bereits ein großes Blatt Papier auf dem Boden ausgebreitet, auf dem die kleinen Fauves ihre Hände verewigen können. Der gelernte Buchbinder leitet die Kinder bei der kreativen Arbeit an und steht ihnen bei den verschiedenen Stufen des Buchdrucks zur Seite. Außerdem hört er ihnen zu, wenn sie ihre Gedanken zu den Bildern formulieren und schreibt diese auf.

 

Das pädagogische Konzept des Buchkindergartens: Kinder erzählen mit den Bildern Geschichten. Die Geschichten diktieren sie ihrem Betreuer und lernen so, die Bilder in Wörter zu übersetzen. So tasten sie sich spielerisch an Sprache heran, bis irgendwann die Lust entsteht selbst zu schreiben. Carlos (6) hat sich eine Geschichte zu einem abstrakten, in blau gehaltenen Linoldruck ausgedacht, Konstantin schreibt mit: "Carlos und Juri wollen ein Laserviereck umbringen und die elektrischen Zähne als Beweis mitbringen. Auf dem Weg waren ganz viele Fallen, aber Juri schafft die Fallen, weil er sich auskennt." Juri (6), der neben Carlos sitzt, weiß noch nicht so recht, ob er in Carlos' Geschichte überhaupt auftauchen will. In seinen eigenen Geschichten geht es weniger martialisch zu, obwohl, eine furchteinflößende Kreatur taucht auch darin auf: "Das Grasmonster frisst nur eine Minute Gras. Danach trifft es sich mit dem anderen Grasmonster, weil die zusammen spielen wollen, denn wenn man allein ist, ist es langweilig."

 

Ich bin ein bisschen neidisch, wäre auch gern als Kind in den Buchkindergarten gegangen und hätte stolz Eltern und Verwandten meine Werke präsentiert. Hinter der Initiative steht übrigens der Leipziger Buchkinder-Verein, der seit 2001 ganz Deutschland mit seiner Idee ansteckt, Kinder über die eigene Buchproduktion an Sprache heranzuführen und ihre Fantasie zu fördern. Hier kann man sich informieren, wie man die wertvolle Arbeit des Vereins unterstützen kann: www.buchkinder.de.

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