Tod im Tresor

Bildrecht: Wolf Erlbruch
Bildrecht: Wolf Erlbruch

"Mors certa, hora incerta" - die Uhr am Neuen Rathaus verkündet es seit mehr als 100 Jahren. Doch wer will sich in unserer Spaß- und Erlebnisgesellschaft schon mit dem Tod auseinandersetzen? Die Ausstellung "Vanitas - Tod im Buch" im Buch- und Schriftmuseum (noch bis 22.9.) hat jedenfalls keinen sehr großen Zulauf. Während meines etwa einstündigen Besuchs bin ich völlig allein im "Tresor", einem etwa 40 qm großen Raum, in dem außer der Belüftung, die sich von Zeit zu Zeit einschaltet, völlige Stille herrscht.

 

Kaum zu glauben, dass es mal so was wie ein Kunst des Sterbens (Ars moriendi) gab, quasi eine Einübung auf den Tod mitten im Leben. Die Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben staatstragende Titel wie "Vado Mori, Das ist: Bereitschaft zum Tod, oder Der Weg alles Fleisches, durch eine ordentliche Todten-Procession" oder "Ein ernstlicher Blick in die Ewigkeit oder Betrachtungen über die vier letzten Dinge des Menschen sowohl für Geistliche als Weltleute". Etwas näher ist mir da schon die Idee des barocken Welttheaters, das an die Eitelkeit und Nichtigkeit unseres Lebens gemahnt. Wer kennt nicht das Motiv des Vanitas-Stillebens mit welken Blumen und Totenkopfschädel oder Gryphius' Verse "Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden".

 

Abseitiges bietet die Rubrik "Der Tod als Lehrer": Im Buch "Ein anatomischer Totentanz" (1926) posiert eine nackte Dame, auf der Seite gegenüber nimmt ein Skelett exakt dieselbe Stellung ein. Zielgruppe: Nekrophile? Nicht fehlen darf in diesem Reigen die Romantik mit ihren düsteren Visionen, allen voran William Blakes Illustrationen zum Poem "The Grave" von Robert Blair, entstanden 1808 in England, der Wiege des "Gothic style". Für unsere Gegenwart schließlich steht die Todesdarstellung im Comic und im Kinderbuch: Hier Humor, Horror und unverhüllte Gewalt, da die zarte Bilderbuch-Geschichte eines Wolf Erlbruch ("Ente, Tod und Tulpe").

 

Über viele Autoren und ihre Werke möchte man mehr erfahren, etwa über Melchior Grossek und seinen eindrücklichen Scherenschnitt-Zyklus "Gestalten des Todes". Doch diese Hintergrundinfos fehlen der Ausstellung leider, so dass oft nur ein oberflächlicher Eindruck entsteht und es dem Besucher überlassen bleibt, später im Internet zu recherchieren. (Grossek war ein Berliner Priester, der mit seinen Scherenschnitten seinen im Ersten Weltkrieg gefallenen Brüdern ein Denkmal setzte.)

 

Fazit: Ein kurzer Abriss zum Thema, das in der Breite und Tiefe sicherlich größere Möglichkeiten geboten hätte. Zumal das Deutsche Buch- und Schriftmuseum durch die Anbindung an die benachbarte Nationalbibliothek Zugriff auf einen riesigen Fundus an entsprechenden Büchern hat.

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