Riesen-Wurz im Rampenlicht

Das Ereignis des Jahres? Ganz klar: Die blühende Titanenwurz! Gegen 16 Uhr erreicht mich ein Tweet der Uni Leipzig "Blüte der Titanenwurz im Botanischen Garten hat begonnen, heute verlängerte Öffnungszeiten". Titanenwurz? Nie gehört. Ich klicke auf den Link und gelange zur Website des Botanischen Gartens, wo recht dramatisch angekündigt wird: "Das Warten auf die Titanenwurz hat ein Ende - sie beginnt sich zu öffnen!" Ich werde darüber aufgeklärt, dass so eine Titanenwurz nur alle paar Jahre blüht, in Leipzig zuletzt 2000 und 2008. Ein wahrhaft epochales Ereignis also. Ich könnte das Aufblühen der Titanenwurz jetzt per Webcam im Internet verfolgen, aber das Fieber hat mich gepackt: Ich muss vor Ort dabei sein.

 

Bei meiner Ankunft lerne ich erst einmal, dass der Botanische Garten in Leipzig der älteste Deutschlands ist - als hätte die Stadt nicht schon genug Superlative dieser Art vorzuweisen. Nun denn: Vorbei am gelbblättrigen Trompetenbaum spaziere ich mit einigen Abschweifungen nach rechts und nach links zu den Gewächshäusern. Die beiden Frauen an der Kasse sind freudig erregt, das Telefon klingelt beständig und man teilt den Anrufern mit, "das Ereignis ist jetzt eingetreten" und "ja, es ist jetzt die beste Zeit vorbeizukommen". Die Titanenwurz beschert ungeahnte Besucherzahlen, wie schön. Auch ich bezahle meine vier Euro und darf in die heiligen Hallen eintreten.

Vor einem phallusartigen Gewächs lassen sich gerade zwei junge Damen fotografieren - ah ja, die Titanenwurz, deren lateinischer Name nicht umsonst Amorphophallus titanum lautet.

 

Es herrscht eine Art Volksfest-Stimmung. Überall haben sich kleine Grüppchen gebildet, ein Mitarbeiter klärt ein paar Rentner über Entwicklung und Verfall der Titanenwurzblüte auf, an anderer Stelle tauschen sich Hobby-Fotografen über die geeignete Kombination von Blende und Verschlusszeit aus. Vor dem imposanten Gewächs ist eine kleine Treppe montiert. Geht man die Stufen hinauf und beugt den Oberkörper nach vorn, kann man direkt in den Titanenwurzblütenschlund schauen. Woher kommt nur die dicke Wolke von Schmeißfliegen, die das königliche Geblüt umschwirrt und sich respektlos auf ihm niederlässt? Ich erfahre: Es ist der Aasgeruch, den die Titanenwurz während ihrer Blüte verströmt; normalerweise lockt dieser im Urwald Käfer an, die für die Bestäubung der Pflanze sorgen.

Ich entfliehe dem Gestank und der wachsenden Menschenmenge in Richtung Sukkulenten-Sammlung. Wieder zu Hause, schaue ich per Webcam weiter zu, wie sich die größte Blüte der Welt weiter öffnet. Ein wahrhaft erhebendes Ereignis!

 

 

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