Kafka goes Comic

Plakat zur Ausstellung in Leipzig
Plakat zur Ausstellung in Leipzig

Weltliteratur im schwarz-weißen Graphic Novel-Gewand: Das ist so neu nicht. Aber Kafka? Dessen Ängste und Visionen sich in düsteren Sprachbildern manifestiert haben? Die Wanderausstellung "Kafka in KomiKs", derzeit zu sehen im Museum für Druckkunst, zeigt gleich an drei Adaptionen: Es funktioniert. Denn das Werk des scheuen Tschechen ist nicht nur dunkel und bis heute nicht zu Ende gedeutet, sondern eben auch: schräg, fantastisch, voller Übertreibungen und Sex. Und damit prädestiniert, von fantasiebegabten Zeichnern zu neuem Leben erweckt zu werden.

 

Der Amerikaner Robert Crumb - bekannt für seine pornografisch angehauchten Comics - stellt Kafkas Leben und Werk in deftiger Manier dar. Seien es erotische Begegnungen mit dem anderen Geschlecht, die in der Ausstellung u.a. als Peepshow zu begutachten sind. Seien es die zahlreichen Selbstmordphantasien, die Kafka in seinen Tagebüchern ausbreitet. So fliegt bei Crumb dem erstaunt dreinblickenden Kafka glatt der Hut vom Kopf, als das "Selchermesser" in seinen Schädel fährt und "ganz dünne Querschnitte losschneidet". Diese und andere Szenen sind vielfach vergrößert auf einer weißen Wand angebracht, vor der ein unheilvoller Strick baumelt.

 

Auf den ausschweifenden Stil Crumbs folgen die holzschnittartigen Bilder von Jaromir 99, einem Landsmann von Kakfa.. Geradezu episch breitet sich in der Graphic Novel "Das Schloss" die Landschaft mit dem in Schnee eingebetteten Dorf vor dem "Landvermesser" aus, der mit dem Rücken zum Betrachter steht. Der strenge, stark auf Kontraste setzende Stil Jaromir 99s passt sehr gut zur klaren Sprache Kafkas, die wiederum im Kontrast zur Vielschichtigkeit der Gedankengänge von Kafkas Romanhelden steht. Jaromir 99 hat das Kafka-Fieber offenbar so sehr gepackt, dass er eine Band gegründet hat, um "Das Schloss" zu vertonen. Eine Kostprobe davon ist auch in der Ausstellung zu hören. Die Mischung aus gesungenem Tschechisch und gesprochenen deutschen Passagen aus dem unvollendeten Roman ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig.

 

Detailverliebter als beim "Schloss" kommt dann wiederum die Umsetzung der französischen Zeichnerin Chantal Montellier daher, die sich an "Der Prozess" gewagt hat - jenes Buch, in dem Josef K. eines Morgens scheinbar ohne Grund verhaftet und in ein undurchschaubares Gerichtsverfahren verwickelt wird. Wie bereits bei Crumb und Jaromir 99 verwendet auch Montellier ganz selbstverständlich das Konterfei Franz Kafkas, um dem Protagonisten ein Gesicht zu geben. Für alle drei Zeichner war offenbar klar, dass Kafka sich immer selbst spiegelte in dem, was er schrieb.

 

Graphic Novels als Zugang zu einem Autor, der vielen als schwer verdaulich gilt? So sieht es David Zane Mairowitz, der die Texte zu allen drei Comics beigesteuert hat. Für mich sind die schwarz-weißen Bilderreigen vor allem eine schöne Ergänzung, um ganz neue Facetten zu erschließen im mehrdeutigen Werk des Pragers.

 

Robert Crumb, David Zane Mairowitz: Kafka, Reprodukt 2013

Jaromír Jaromír 99, David Zane Mairowitz: Das Schloss, Knesebeck 2013

Chantal Montellier, David Zane Mairowitz: Der Process, Knesebeck 2013

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Fotostory 1: The road not taken

Es geht nach oben, ins Freie. Die Stufen - unberührt, voller Schnee - scheinen verheißungsvoll.

 

Ich könnte, möglichst leise, meine Fährte im samtenen Weiß hinterlassen. Ich könnte, oben angekommen, die unbekannte Aussicht genießen. Ich könnte, zurückblickend, das Tal aus einem neuen Blickwinkel betrachten ("O Captain! My Captain!").

 

Oder: Ich könnte auf den Stufen ausrutschen. Könnte stürzen. Nass werden. Mir womöglich das Genick brechen.

 

Ich hinterlasse also nicht, möglichst leise, meine Fährte im samtenen Weiß. Denn Unvertrautes lässt mich zögern und macht mir Angst. Zumal kein Licht am Ende des Tunnels leuchtet. Lieber laufe ich weiter die ausgetretenen Pfade. Die sind zwar matschig, führen mich aber gewiss zum Domizi(e)l. Hier kann ich in Ruhe darüber nachsinnen, wie es gewesen wäre, sie zu gehen, "the road not taken" (Robert Frost).

 

 

Tagebau revisited & andere "Blickwechsel"

Die Fotografin Karin Wieckhorst beim Umhängen
Die Fotografin Karin Wieckhorst beim Umhängen

Der ehemalige Tagebau in Cospuden war kurz nach der Stillegung Ende der 80er Jahre eine melancholisch-düstere Mondlandschaft, voller Berge, Täler und Krater. Marion Wenzel hat das damals in atmosphärischen Schwarzweiß-Bildern festgehalten; zehn Jahre später ging sie wieder mit dem Farbfilm los und dokumentierte den Wandel zum blühenden Neuseenland. Zu sehen ist diese Gegenüberstellung in der Ausstellung "Paradigma_Blickwechsel", die bis zum 30. Oktober im Tapetenwerk läuft (http://tapetenwerk.de/aktuell_2015/paradigma-blickwechsel.html).

 

Insgesamt acht Leipziger Fotografen rollen nochmal den tristen DDR-Alltag auf oder werfen kritische bis heitere Blicke auf die bunte (Konsum-)Welt des Heute: Zerbrochene Fenster sind in einer Serie von Gudrun Vogel Sinnbild für den Verfall – hier den der alten Nikolaischule, die heute in restauriertem Glanz erstrahlt. Armin Kühne hat im vergangenen Sommer eine traurige Entdeckung im Elsterbecken unterhalb der Zeppelinbrücke gemacht: Entsorgte Fahrräder treiben dort – als Müll der Überflussgesellschaft – im Schlamm, was im Bild gebannt durchaus seinen ästhetischen Reiz hat. Und Karin Wieckhorst - die während der Vernissage eben mal schnell die Hängung korrigiert (s. Foto) – hat 1993, kurz nach den Anschlägen in Rostock und Hoyerswerda, das Asylbewerberheim im zwischenzeitlich stillgelegten Kraftwerk Lippendorf vor den Toren Leipzigs besucht. Die Fotografin hat wunderbar die Trostlosigkeit der Unterbringung eingefangen, in der die aus aller Welt Gestrandeten so etwas wie Normalität zu leben versuchten.

 

Den Kontrast zur Leipziger Fotografenszene bilden die Arbeiten internationaler "Gastkünstler", die sie während ihres Aufenthalts auf dem Gelände der Baumwollspinnerei verwirklicht haben. Dass hier in verschiedensten Medien (Video, Fotografie, Malerei) ein nochmals anderer Blick auf Leipzig geworfen wird, kann leider nur eingeschränkt behauptet werden. Einige Werke sind einfach nur sehr introspektiv wie das mit Buntstiften gezeichnete "Stimmungstagebuch" der georgischen Künstlerin Luiza Laperadze. Oder sie bleiben auf den Arbeitsort der Künstler, die Spinnerei, beschränkt, wie die Zeichnungen der Chilenin Catalina Bauer oder die Radierungen der US-Amerikanerin Kylie Lefkowitz. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Stadt hat nur der Italiener Francesco Cincotta gesucht, der verschiedene Eindrücke zu einem Video zusammengefasst hat. Einige Szenen des mit "Destino" ("Schicksal") betitelten Werks seien mit Shakespeare-Zitaten unterlegt, erläutert die Geschäftsführerin des 2007 gegründeten "Leipzig International Art Programme" (LIAp), Anna-Louise Rolland, während eines Rundgangs durch den von ihr kuratierten Ausstellungsteil. Diese Zitate sind während der gut besuchten Vernissage leider nur als undurchdringliches Murmeln aus den zwei kleinen Lautsprechern zu vernehmen.

 

Also: Nochmal herkommen und vor allem die wunderbaren Leipzig-Fotos bei weniger Gedränge und ohne sektberauschte Ü-60er-Grüppchen anschauen.

 

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Schwarz-Weiß meets Schweiz

Unser Plakat zur "Nacht der Kunst"
Unser Plakat zur "Nacht der Kunst"

Die "Nacht der Kunst" steht vor der Tür. Das Konzept - leerstehende Lokale und Hinterhöfe in der Georg-Schumann-Straße werden für einen Abend mit Ausstellungen, Lesungen und Konzerten belebt - hat uns beim Besuch im vergangenen Jahr so begeistert, dass wir kurzerhand beschlossen, in diesem Jahr auch teilzunehmen (hier geht's zum Gesamtprogramm 2015). Wir, das sind meine Freundin Katrin, die bereits als Malerin seit Jahren in Leipzig und Umgebung ausstellt, und ich. Mit unserem Ausstellungsraum in der Nummer 275 sind wir sehr glücklich; hoffen wir, dass die Rigips-Wände unseren Fotorahmen standhalten:)

 

Katrin zeigt Schwarz-Weiß-Fotos, die sie mit einer Lomographie-Kamera aufgenommen und selbst entwickelt hat. Scheinbar schlechte Qualität und Unschärfe werden bei dem in den 60er Jahren als Spielzeug konzipierten Apparat bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt. Ich habe das Eidgenössische Jodlerfest ins Bild gebannt, das im Dreijahres-Rhythmus einen anderen Ort in der Schweiz in den Ausnahmezustand versetzt und über 100000 Besucher anlockt. 2014 wurde Davos zum Mekka der Jodler, Alphornbläser und Fahnenschwinger. Wir freuen uns auf euren Besuch!

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Alte Eichen statt Linden

„Leipzig ist immer für eine Überraschung gut. Plötzlich zaubert die Stadt ein 1000-Jahr-Jubiläum aus dem Hut. Wie kann das sein? Schließlich hat sie doch 1965 ihren erst 800. Geburtstag gefeiert“, wunderte sich nicht nur die Stuttgarter Zeitung über das diesjährige Jubiläum mit den imposanten drei Nullen. Beim Rundgang durch die gerade eröffnete Ausstellung „1015. Leipzig von Anfang an“ im Neubau des Stadtgeschichtlichen Museums relativiert Kuratorin Maike Günther: Die „urbs Libzi“ wurde zwar 1015 erstmals urkundlich erwähnt, eine Stadt war sie aber damals beileibe noch nicht.

 

Allerdings zeigen die Ausgrabungen der letzten Jahre, dass das Gebiet der  damaligen Burg mit ihren umliegenden Gebäuden doch größer war als bislang angenommen und durchaus „eine Siedlung mit städtischem Charakter“ genannt werden kann, wie es im Begleitband heißt. Wie auch immer: Mit dem Stadtbrief, der 150 Jahre später ausgestellt wurde, begann die eigentliche Stadtgeschichte. Zu diesem Zeitpunkt ist Leipzig parzelliert worden und das uns heute bekannte Straßenraster der Innenstadt hat sich ausgebildet. Bis 1500 wurden dann viele der Meilensteine gesetzt, die Leipzigs Identität bis heute ausmachen: Universitätsstadt, Stadt des Buch(druck)s und des Handels.

 

Die Ausstellung präsentiert neben selten im Original zu sehenden Dokumenten aus den Archiven viele archäologische, ja „sensationelle“ Funde, auch aus der Zeit der frühesten Besiedlung. So stieß man beim Aushub für den neuen Elstermühlgraben 2005 auf eine über 3000 Jahre alte Eiche. Die Kuratorin: „Dass sich das Holz so gut erhalten konnte, liegt daran, dass es sacknass gewesen ist, und zwar die ganze Zeit“. Neben der Eiche waren sieben bronzene Halsringe aus der jüngeren Bronzezeit (1000-750 v. Chr.) abgelegt – wahrscheinlich Gaben, um das Hochwasser zu besänftigen. Die natürlichen Gegebenheiten – auf einer Karte wird dargestellt, wie Leipzig sich inmitten von „feuchten Niederungen“ positioniert – haben nicht nur die Erhaltung organischer Materialien begünstigt. Sie sind auch für die ursprüngliche Bedeutung des Ortsnamens verantwortlich. Die ursprüngliche indogermanische Bezeichnung heißt übersetzt soviel wie „schmutziges Wasser“. Erst die Sorben machten daraus „Libzi“, also Ort "bei den Linden“. Wie die Archäologie auch mit anderen Disziplinen im wahrsten Sinne des Wortes fruchtbar zusammenarbeitet, zeigen Auswertungen von Pflanzensamen, die bei Ausgrabungen in der Leipziger Innenstadt in den Jahren 2012 bis 2014 gefunden wurden. Mithilfe der Botaniker konnten Einblicke in verschiedene Aspekte mittelalterlichen Lebens gewonnen werden. So konnte das Mutterkorn nachgewiesen werden – ein auf Getreide parasitierender Pilz, der unter dem Namen „Antoniusfeuer“ Vergiftungs-Epidemien entfachte.

 

>Zur Ausstellung: http://www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de/site_deutsch/ausstellungen/2015_in_urbe_libzi.php

>Zum multimedialen MDR-Beitrag: http://www.mdr.de/kultur/leipzig-von-anfang-an104.html

>Zum Artikel der Stuttgarter Zeitung: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.jubilaeum-in-leipzig-ploetzlich-1000-jahre-alt.afd6be3b-6a68-4807-a6b1-3e0809b703ca.html

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Ode auf den Döner-Imbiss

 Wer wissen will, wo er den besten Döner der Stadt bekommt, besucht die Website Dönerfreund.de. Für Leipzig sind dort 73 "Dönerbuden" aufgelistet, die von den Gästen mit Sternchen in den Rubriken Geschmack, Größe, Bedienung und Gemütlichkeit bewertet werden. Als ich vergangenen Sonntag mal wieder mit der Kamera unterwegs war und mein Magen um die Mittagszeit zu knurren begann, kehrte ich im "Lana Döner" auf der Lützner Straße ein. Die zwei Bewertungen auf Dönerfreund.de reichen von unterirdisch (restauranttesterLE sagt: "perverse Anmachen weiblichen Gästen gegenüber im Preis inbegriffen") bis Mittelfeld (Linus4: Größe/Gemütlichkeit: 2 Sterne, Geschmack: 3 Sterne, Bedienung: 5 Sterne). An dem mir überreichten Hähnchen-Döner hatte ich nichts auszusetzen und die Bedienung (Ahmed, s. Foto) war sehr freundlich. Außerdem ist es der bislang einzige mir bekannte Laden, auf den begeisterte Kunden ein Gedicht geschrieben haben, das ich euch nicht vorenthalten will:

 

"Dem Lana-Döner" gewidmet

 

Es gibt eine Speiseoase in der Lützner-Street, die haben die Einwohner besonders lieb.

Hier arbeiten Vater und Sohn und erfüllen Essenswünsche ihrer Lindenauer Region.

Wer sich nicht kann gleich entschließen, wird erst mal einen Apfeltee genießen.

Dann kommt die Entscheidung schnell, bitte einen Döner Kebab mit Soße und Falafel.

In keinem anderen Orte gibt es von Vater und Sohn so viel nette Worte.

Und wer seinen Döner zu Hause essen will, bequem, kann ihn eingepackt mit nach Hause nehm'.

Hier gibt es auch Kaffee, Salat und viele Pizzen, da müssen die fleißigen Türken reichlich schwitzen.

Und hält noch eine Straßenbahn, dann eilen beide schnellstens an den Drehspieß ran.

Will ein Lindenauer weit verreisen und die Döner auswärts speisen,

werden sie reisefertig verpackt und 460 km weiter in Spabrücken aufgebackt.

Da setzt sich jeder an den Tisch und lacht: So was Gutes habt ihr noch nie mitgebracht!

Und oben in der Ecke feiert man mit vielen Gästen für verschiedene Zwecke.

Dann bleiben die beiden Freunde dran und liefern Tee und Döner im Bündel an.

Hallo, ihr zwei Dönermänner, euer Lokal ist Leipzigs größter Renner.

Und seid versichert jetzt und allemal, bald sind wir wieder als liebe Gäste da!"

 

Gedichtet haben Rolf (Opa), Hannelore (Oma), Sylvia, Ralf, Christoph, Fabian, Kristina, Claudia, Mario und Luise aus Leipzig, Sandra, Gerd, Niklas, Yannik und Luise aus Spabrücken, Christa und Gert aus Bad Kreuznach, Jonny und Irene aus Köln.

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„Und jetzt, bitte schön, meine Auferstehung!“

„Wir gehen mal ganz kurz hier rein, ich will euch mal was zeigen“. Bei der Führung über den Leipziger Südfriedhof geht es an diesem Sonntag ziemlich assoziativ zu. Alfred E. Otto Paul, ein rustikaler Typ um die 60 mit verblichenen Tätowierungen auf den Unterarmen, läuft im Sauseschritt voran. Zwei Stunden hat er Zeit, um uns einen Einblick in seine Welt zu geben: Seit fast drei Jahrzehnten beschäftigt sich der „Sepulkralforscher“ mit dem Begräbniswesen der Stadt Leipzig. Vom Hauptweg geht es rechts ab, durch Formationen 100-jähriger Rhododendren hindurch. Wir stehen – im Schatten des Völkerschlachtdenkmals – vor der Ruhestätte der Familie Curt Rüdinger: Ein breitgezogener Granit-Sockel, aus dem sich - „wie eine Königin auf einem Thron“ - die 1907 verstorbene Emma Rüdinger als junge Frau in Südtiroler Marmor erhebt. Ein wahrlich luxuriöses Grab, dass Ehemann Curt nur deshalb finanzieren konnte, weil er im Todesjahr seiner Frau plötzlich im Lotto gewann. Und so finden die Rüdingers bis heute ihre letzte Ruhe unter dieser schönen Frauenstatue, die von Robert Schenker, dem Bildhauer der Wächterfiguren am Völkerschlachtdenkmal, gestaltet wurde.

Hinter jedem Grab eine Geschichte, so möchte man meinen, wenn man mit Alfred E. Otto Paul über den Südfriedhof spaziert und dessen plötzlicher Eingebung folgend mal nach rechts, mal nach links abzweigt. Paul, der einst technischer Direktor der kommunalen Friedhöfe Leipzigs war, hat im Eigenverlag bereits mehrere Bände zu Kunstschätzen auf Leipziger Friedhöfen herausgebracht, die er während der Führung unterm Arm trägt und immer mal wieder daraus vorliest. Paul ist auch Gründer und Vorsitzender der Paul-Benndorf-Gesellschaft, die sich seit 2008 um Erhaltung und Pflege historischer Friedhofsanlagen verdient macht. Weil die Mitgliedsbeiträge die Restauration heruntergekommener Gräber ermöglichen, würde er uns am liebsten alle auf der Stelle werben.

Eine von der Zeit gezeichnete Grabstelle, um die sich die Ahnen nicht mehr kümmern, ist die von Albert Böhme, dem einstigen Inhaber der Delitzscher Schokoladenfabrik. Der Elfenbeinmarmor der Gruftabdeckung ist kaum mehr als solcher auszumachen. Darunter soll sich allerdings eine „königliche Nekropole“ befinden, die 13 Meter in die Tiefe ragt und mit geschliffenem römischen Travertin ausgekleidet ist – ein Stein, der auch für das Kolosseum und die St. Peterskirche in Rom verwendet wurde. Wie viele seiner vermögenden Zeitgenossen kümmerte sich auch Böhme bereits zu Lebzeiten um eine repräsentative Grabstelle. „Und jetzt, bitte schön, meine Auferstehung!“, ahmt Paul den Schokoladenfabrikanten nach, der damals zu Albrecht Leistner ging – dem nach dem Tod Max Klingers anerkanntesten Bildhauer in Leipzig –, um eine Statue formen zu lassen, die Böhme und seine Frau in ihren besten Jahren zeigt, nackt und in inniger Umarmung gen Himmel strebend.

 Wir laufen um das Herzstück des Südfriedhofs, die Kapellenanlage, herum, deren architektonisches Vorbild das  Kloster Maria Laach in der Eifel sein soll. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Grabstein von Ernst und Pauline Ulbricht, den Eltern Walter Ulbrichts – ein „Husarenstück“, über das sich Paul nach wie vor amüsieren kann: Nicht nur das Goethe-Zitat - „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ -, auch die auf dem Porphyrgranit angebrachte Luther-Rosette will so gar nicht zum Kommunisten und „großen Atheisten“ Ulbricht passen. Es ist Paul bis heute ein Rätsel, wie der Obermeister der damaligen Bildhauerinnung, Gerhard Liebold, damit durchgekommen ist.

 

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Feiern im Verfall

Die untergehende DDR in Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten haben ja so einige Fotografen, aber wohl kaum jemand mit so viel Humor wie Harald Hauswald. Im Haus des Buches sind noch bis Ende Juni seine Fotos aus dem Band „Vor Zeiten. Alltag im Osten“ zu sehen, der im Leipziger Lehmstedt Verlag erschienen ist. Eines von Hauswalds bekanntesten Bildern: Die vor einem Regenguss flüchtenden Fahnenträger einer 1. Mai-Demonstration, Titel „Fahnenflucht“.

 

 Zur Vernissage am 7. Mai ist „Zeit“-Autor Christoph Dieckmann angereist, der Hauswald noch aus ganz frühen Tagen kennt und einige Geschichten mit ihm zusammen realisiert hat. „Seine Bilder zeigen im Speziellen, was im Allgemeinen jeder wusste: Dieser Staat verrottete“, so Dieckmann über den in Radebeul geborenen und seit 1977 in Berlin lebenden Fotografen. Dort, „nahe der Machtzentrale“, kollidierte der „Anspruch des sozialistischen Staates besonders drastisch mit der Wirklichkeit“ - weshalb Hauswald, der diese Wirklichkeit ungeschönt ablichtete, der DDR als „feindlich-negatives Element“ galt.

 

Verfall, Suff, ramponierte Existenzen, aber auch trotzige, feiernde, lachende Menschen sind auf Hauswalds Bildern zu sehen. Viele Kinder, die sich auf eigene Faust Straßen und Hinterhöfe als Abenteuerspielplätze erobern – in der heute überbeschützten Kindheit undenkbar. Und viele alte Menschen, die sich einsam durch den DDR-Alltag schleppen, aber auch tanzend auf Festen zusammenfinden. Der humoristische Funke entspringt dabei nicht nur der Situationskomik, sondern auch den Kontrasten, die Hauswald einfängt: Da wird vor den Ruinen des Prenzlauer Bergs mit „Wohnkultur“ geworben. Oder die heruntergekommene Reklametafel eines Nähmaschinengeschäfts verspricht „Reparaturen sämtl. Systeme“.

 

Hauswald hat vor Kurzem seinen 60. Geburtstag gefeiert. Er fotografiert weiterhin, ist aber vor allem damit beschäftigt sein riesiges Archiv aufzuarbeiten, wie er mir später erzählt, als ich mir einen Fotoband von ihm signieren lasse. „Ich will ja auch den Nachwuchsfotografen eine Chance geben“, lacht er verschmitzt. Bis heute hat er über 250 Einzelausstellungen gehabt. Wenn es nach mir ginge, könnten es ruhig noch ein paar mehr werden.

 

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Bahnfahren auf der Bugra

Von der Bugra, der „Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“, die 1914 mehr als 2,3 Mio Menschen nach Leipzig lockte, ist heute nicht mehr viel übrig: Ein Schienenstrang, auf dem eine „Panoramabahn“ die Leute umherkutschiert hat, oder die von Wilhelm Kreis entworfene „Halle der Kultur“ (heute: Alte Messe, Halle 16). Zwischen Deutschem Platz und Völkerschlachtdenkmal präsentierten damals auf 400000 Quadratmetern 22 Nationen ihre Leistungen und Produkte rund um Buch, Druck und Schrift.

 

Stephanie Jacobs, Leiterin des Buch- und Schriftmuseums, ist deshalb ziemlich stolz darauf, wie viele Exponate für die gerade eröffnete Bugra-Ausstellung aus den Magazinen des Museums zusammengetragen werden konnten. Ihr Lieblingsobjekt, das zunächst gar nichts mit Büchern und Schrift zu tun zu haben scheint: Ein hölzernes Gefäß aus dem damaligen „Chinesischen Gelehrtenhaus“, aus dem das Zirpen einer Grille zu hören ist. „Wasserpfeifen, die mit Hasch gestopft wurden, und die Laute einer gefangenen Grille haben die chinesischen Gelehrten bei ihrer Arbeit inspiriert“, erläutert Jacobs. Auch zwei eigenhändig vom chinesischen Kaiser signierte Schmuckrollen sind zu sehen.

 Das „chinesische Gelehrtenhaus“ war Teil der „Halle der Kultur“, dem Zentrum der Bugra, das mit Objekten aus 5000-jähriger Menschheitsgeschichte aufwartete. Bildung war aber nicht alles auf der Bugra: Zu den wichtigsten Attraktionen gehörten die Panoramabahn, das Wellenbad – als Teil eines Vergnügungsparks mitten im Messegelände –und ein Zeppelin. Auch die Elektrifizierung hielt die Leute noch in Atem: In vielen Zeitzeugenberichten ist von einem „gelben Heiligenschein“ die Rede, der die Messe in der Dämmerung in eine „wunderbare und animierende Farbhülle“ tauchte. Die Bugra-Ausstellung im Buch- und Schriftmuseum ist deshalb auch in gelb gehalten.

 

 Als im Juli die Schüsse in Sarajevo fielen, war es dann auch mit der Weltausstellung, die noch bis Oktober lief, mehr oder weniger vorbei. Die einander jetzt offen verfeindeten Nationen räumten ihre Pavillons auf der "Straße der Nationen" – die russische Delegation etwa musste in einer Nacht- und Nebelaktion unter Polizeischutz aus Leipzig hinausbefördert werden. Der hehre Ausspruch des Bugra-Präsidenten Ludwig Volkmann: „Nicht Pulver und Blei, sondern Lettern und Druckerschwärze mögen die Welt regieren“ war eben doch Wunschdenken gewesen.

 

 Zum Ende der spannenden Führung gibt es sogar noch ein Geschenk: Ein älterer Herr überreicht Stephanie Jacobs einen Briefumschlag mit einer Briefmarke, die er im Internet erstellt hat. Sie zeigt das Motiv der Bugra: Ein fackeltragender Jüngling auf dem Buchdrucker-Greif, der u.a. auf dem großen Ausstellungsplakat der Bugra 1914 zu sehen ist. Oh ja, darüber freut sich Frau Jacobs - auch wenn es kein wirkliches Sammlerobjekt ist.

 

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Mystische Momente an der Peterskirche

Einer meiner Lieblingsorte in Leipzig ist die Peterskirche in der Südvorstadt. Mit ihren spitzen, gezackten Türmen, den großen Buntglasfenstern und den Wasserspeiern bringt sie einen Hauch Notre-Dame de Paris nach "Klein-Paris". Schon ewig hatte ich mir vorgenommen, eine Führung mit Turmbesteigung mitzumachen - heute endlich ist es soweit. Über die "höchste freistehende Wendeltreppe Sachsens" soll es 88 Meter in die Höhe gehen.

 

Zunächst ist aber erstmal eine Besichtigung der Kirche angesagt. Dass man im Innern gern wandelt und sich so gar nicht erdrückt fühlt von allerlei Pracht und monumentaler Größe, hat nicht nur mit der noch laufenden Sanierung zu tun: Das Mittelschiff ist großzügig und "luftig" gehalten, die Spannweite übertrifft sogar die des Kölner Doms um 3,5 Meter. Durch die riesigen Buntglasfenster strömen die Sonnenstrahlen ungehindert ins Innere und machen das Blitzlicht beim Fotografieren überflüssig. Wie die Räumlichkeiten ursprünglich, also vor der Bombardierung 1943 aussahen, zeigt die Taufkapelle, die bereits detailgetreu in bunten Farben restauriert worden ist.

 

Thomas, der uns fast zwei Stunden durch und um die Kirche herum führt, gibt Anekdoten aus DDR-Zeiten zum Besten. Im undichten Dach sammelte sich so viel Taubenkot an, dass er nach der Wende Containerweise abtransportiert werden musste. Außerdem musste man sich zeitweise vor herabfallenden Dachziegeln in Acht nehmen. Wer gegenüber im Flower Power die Nächte durchzechte, hatte aber auch seine mystischen Erlebnisse. So meinte Thomas, wenn er morgens um 4 aus der Kneipe trat, den hoch oben thronenden Engel schweben zu sehen. Denn die aus Zement und Acrylharz gefertigte Figur hob sich strahlend von dem damals ziemlich heruntergekommenen Sakralbau ab.

 

Etwas mulmig ist mir dann schon zumute, als ich die freistehende Wendeltreppe nach oben steige. 112 Stufen, vorbei an den großen Stahlglocken, die alle Viertelstunde läuten. Auf den letzten Metern verengt sich das Gerüst merklich, vor mir schiebt sich der Hintern einer Dame gerade so zwischen Mittelstrebe und Geländer auf die finale Plattform. Hier öffnen sich massive Holztüren in alle vier Himmelsrichtungen. Von der Balustrade rücken bei schönstem Frühlingswetter u.a. der Fockeberg oder die Kuppel des LVB-Gebäudes in greifbare Nähe.

 

Auf dem Weg nach unten atme ich tief durch. Ich steige auf einer Wendeltreppe in die Tiefe ins Nichts, daran können auch die schönen Buntglasfenster zu meiner rechten und linken nichts ändern. Meine Knie werden weich. Dass ich nicht wirklich schwindelfrei bin, wusste ich natürlich. Aber die Warnung, dass man diese Treppe dann lieber nicht hinaufsteigen sollte, hatte ich nicht allzu ernst genommen. Irgendwann bin ich wieder auf sicherem Boden angelangt und mache drei Kreuze. Dann nehme ich mir noch vor, bei einem der "Orgel-Punkt-Zwölf"-Konzerte reinzuschauen, die immer Donnerstags 12 Uhr stattfinden. Gespielt wird dann übrigens an der kleinen Jahn-Orgel, die 1968 aus der Paulinerkirche gerettet werden konnte.

 

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Loft oder Lost

Auch ältere Herren treiben sich in ihrer Freizeit gern in Industriebrachen herum. „Da sind wir raufgeklettert und eingestiegen“, sagt Bernd Sikora (73) und deutet auf das Foto eines maroden Gebäudes. Der Architekturhistoriker führt durch die Ausstellung „Industriearchitektur in Sachsen“ im Museum für Druckkunst (noch bis Mitte Mai). Ein passender Veranstaltungsort – direkt gegenüber befinden sich die Buntgarnwerke, eine der größten Fabrikanlagen der Gründerzeit, heute ein schön anzusehender Komplex mit Loftwohnungen. So wie die Buntgarnwerke konnten viele Gebäude sächsischer Technik- und Industriegeschichte durch neue Nutzung gerettet werden. 2500 von den insgesamt rund 6000 Baudenkmälern sind allerdings vom Abriss bedroht. Wie lange sie wohl noch Abenteuerspielplatz für „Geocacher“ oder „Lost Places“-Fotografen und -Filmer (www.lostplace-dokfilm.de) sein werden?

 

Ob Loft oder lost – Sikora, der bereits mehrere Bücher zur Architektur in Leipzig veröffentlicht hat, will vor allem bauliche Veränderungen bewusst machen. Von der „sächsischen Palastarchitektur“ im Erzgebirge (ab 1799) geht es über den „Rundbogenstil“ im 19. Jahrhundert bis hin zur modernen Industriearchitektur der 20er und 30er Jahre, in Leipzig sind das etwa die Konsumzentrale von Fritz Höger oder die Großmarkthalle („Kohlrabizirkus“) von Hubert Ritter. Ein Schwerpunkt der Ausstellung sind die Gebäude aus der Zeit, als Leipzig noch Zentrum der Buchproduktion war. Unternehmen wie F. A. Brockhaus, Phillip Reclam oder Oscar Brandstetter ließen sich gigantische Industriepaläste bauen, und zwar in der Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Eisenbetonbauweise, die es ermöglichte, schwere Lasten über mehrere Etagen zu verteilen. Das in hellgelben Klinkern gehaltene „Reclam-Carrée “ ist heute Büro- und Geschäftshaus. Im Brandstetter-Haus, das reich verziert ist mit plastischen Darstellungen aus dem Buchgewerbe, sitzt die Handwerkskammer.

 

Für mich war die Ausstellung aber vor allem deshalb sehr sehenswert, weil sie viele Eindrücke über den Leipziger Tellerrand geliefert hat. Drei Beispiele: Der Uhrturm der Maschinenfabrik Schubert & Salzer in Chemnitz (www.chemnitztour.de), die Zigarettenfabrik Yenidze in Dresden (www.kuppelrestaurant.de) und die Strumpffabrik Götze in Oberlungwitz (www.industrie-kultur-ost.jimdo.com). Es bleibt also eine Menge zu entdecken!

Eine kleine Reise in die Vergangenheit der besonderen Art gibt es übrigens auf der Website www.aroma-fabrik.de. In einem zehnminütigen Stumm-Film präsentieren sich die Aromawerke Carl Heine & Co. (heute kann man hier „exklusive Loftwohnungen“ anmieten). Sehr amüsant: „Die Fabrikfeuerwehr bei der Übung“ oder der Transport der ätherischen Öle per Zeppelin nach Amerika.

 

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Geschichte und Geschichten

Wir dürfen aufatmen: Der Trubel um 200 Jahre Völkerschlacht und 100 Jahre Denkmals-Einweihung ist vorbei. Was sich Erich Loest gewünscht hat, der sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, war eine ruhige, besonnene Auseinandersetzung mit dem Wahrzeichen Leipzigs. Er hat selbst dafür die beste Vorlage geliefert: Seinen Roman „Völkerschlachtdenkmal“:

 

Wir befinden uns in einem Stasi-Verhör in einer psychiatrischen Klinik in der DDR. Freedi, wie er von Familie und Freunden genannt wird, wurde festgenommen, weil er den Koloss mit Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg sprengen wollte. Warum? Der Denkmalswärter und gelernte Sprengmeister will erfahren haben, dass die Stollen unter dem Mahnmal als atomares Endlager missbraucht werden sollen. Damit war die Stadt „ihres Wahrzeichens nicht mehr wert“.

 

Dazu muss man wissen: Freedi ist nicht einfach nur Freedi, sondern trägt mit einigem Stolz den ausufernden Namen Carl Friedrich Fürchtegott Vojciech Felix Alfred Linden. Grund dafür ist eine abenteuerliche Abstammungsgeschichte, denn in Freedi sind gleich mehrere Menschenschicksale vereint – bzw. er hat sie sich mit einiger Lust am Fabulieren zusammengereimt. 1813 war er als Bauernsohn Carl Friedrich bei der Völkerschlacht dabei. Als Rittergutspächter Fürchtegott von Lindenau hatte er später die Idee, ein Denkmal aus den unzähligen Schädeln zu bauen, die auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben waren. Schließlich ist er als Pole Vojciech Machulski zusammen mit dem leiblichen Vater Felix Linden am Bau des Völkerschlachtdenkmals beteiligt gewesen.

 

Es ist sehr amüsant zu lesen, wie Loest 150-jährige Leipziger Historie mit eigenen Geschichten füllt. So ritzt der Proletarier Vojciech Machulski, der während der Gründerzeit fleißig am repräsentativen Stadtbild mitbaut, seine Initialen überall in „Holz, Stein oder Beton“. Im "bürgerlich-reaktionären" Völkerschlachtdenkmal hinterlässt er auch allerhand Spuren, klemmt Zettel mit sozialistischen Aufrufen zwischen die Granitquader oder gießt eine Konservendose mit einer Rede Liebknechts in die Vortreppe ein. Loest weiß: Das Verhältnis der Leipziger zu ihrem Wahrzeichen war nicht immer das beste. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg strichen sie es „aus ihrem Bewusstsein.“ Und natürlich wurde es immer umgedeutet, je nachdem, welchen politischen Zwecken es gerade dienen sollte. Fakt ist aber auch: Es ist „ein Stück deutscher Geschichte“, das man mit den Augen Freedis betrachtet sogar schön finden kann – „an einem Sommermorgen ganz zeitig, wenn es kühl und still ist, wenn Sonnenlicht durchs Ostfenster fällt“.

 

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Kunst im Kindergarten

Ich bin zu Besuch im ersten Buchkindergarten Deutschlands, auf der Josephstraße in Leipzig. Neugierig nähere ich mich dem schwungvoll geschnittenen roten Neubau, der im Frühjahr eingeweiht worden ist: Hier sollen Kinder im zarten Alter von 4 bis 7 Jahren selbst Bücher herstellen. Schon von außen kann man durch eine breite Fensterfront ins Herzstück des Kindergartens sehen - die Buchwerkstatt -, wo fleißig gewerkelt wird. Auffällig sind die raumgreifenden Gerätschaften: Ein großer Tisch, auf dem unzählige Farbtuben und Walzen herumliegen, verschiedene Druckerpressen und -walzen, eine große Schneidemaschine. Dazwischen: sitzende, stehende, umherlaufende Kinder, die eine ordentliche Geräuschkulisse produzieren.

 

Joana (5) hat einen Linolschnitt hergestellt und zeigt mir gleich mal, wie daraus ein Bild wird: Farbe drauf, ein weißes Blatt drüber und ab durch die Walze. Dann kommt alles in eine Kiste, in der Joana ihre kleinen Kunstwerke aufbewahrt. Weniger diszipliniert geht es am Farbtisch zu, wo drei bunt bekleckste Mädchen ihre Hände in Rot, Grün, Gelb tauchen. Konstantin (26) hat bereits ein großes Blatt Papier auf dem Boden ausgebreitet, auf dem die kleinen Fauves ihre Hände verewigen können. Der gelernte Buchbinder leitet die Kinder bei der kreativen Arbeit an und steht ihnen bei den verschiedenen Stufen des Buchdrucks zur Seite. Außerdem hört er ihnen zu, wenn sie ihre Gedanken zu den Bildern formulieren und schreibt diese auf.

 

Das pädagogische Konzept des Buchkindergartens: Kinder erzählen mit den Bildern Geschichten. Die Geschichten diktieren sie ihrem Betreuer und lernen so, die Bilder in Wörter zu übersetzen. So tasten sie sich spielerisch an Sprache heran, bis irgendwann die Lust entsteht selbst zu schreiben. Carlos (6) hat sich eine Geschichte zu einem abstrakten, in blau gehaltenen Linoldruck ausgedacht, Konstantin schreibt mit: "Carlos und Juri wollen ein Laserviereck umbringen und die elektrischen Zähne als Beweis mitbringen. Auf dem Weg waren ganz viele Fallen, aber Juri schafft die Fallen, weil er sich auskennt." Juri (6), der neben Carlos sitzt, weiß noch nicht so recht, ob er in Carlos' Geschichte überhaupt auftauchen will. In seinen eigenen Geschichten geht es weniger martialisch zu, obwohl, eine furchteinflößende Kreatur taucht auch darin auf: "Das Grasmonster frisst nur eine Minute Gras. Danach trifft es sich mit dem anderen Grasmonster, weil die zusammen spielen wollen, denn wenn man allein ist, ist es langweilig."

 

Ich bin ein bisschen neidisch, wäre auch gern als Kind in den Buchkindergarten gegangen und hätte stolz Eltern und Verwandten meine Werke präsentiert. Hinter der Initiative steht übrigens der Leipziger Buchkinder-Verein, der seit 2001 ganz Deutschland mit seiner Idee ansteckt, Kinder über die eigene Buchproduktion an Sprache heranzuführen und ihre Fantasie zu fördern. Hier kann man sich informieren, wie man die wertvolle Arbeit des Vereins unterstützen kann: www.buchkinder.de.

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Auf Fledermausjagd im Schlosspark

Der NABU lädt bundesweit zur "Batnight": Vor der Auwaldstation haben sich 50 Leute versammelt - nicht, um sich in entsprechender Kostümierung im Schlosspark Lützschena zu verlustieren, sondern um von Frank Meisel und Marco Roßner mehr über heimische Fledermausarten zu erfahren. Die beiden Experten betreiben ein "Fachbüro für Fledermauskunde, Naturschutzplanung und ökologische Projektbegleitung" in Leipzig (www.hochfrequent.com).

 

Über verschiedene Stationen und bei langsam einsetzender Dunkelheit geht es durch den Schlosspark, der auf mich wie ein verwunschener Märchenwald wirkt. Kein Wunder, dass sich die Zwerg- oder Rauhhautfledermaus hier wohlfühlt. So mancher hat schon seine Erfahrungen mit den kleinen Tierchen gemacht. Ein Junge berichtet: "Im Urlaub ist eine Fledermaus gegen unser Haus geknallt und runtergefallen. Wir haben sie in ein Glas getan, fotografiert und dann wieder freigelassen." Auch in meiner Familie gab es einen Fledermaus-Fall: Meine Mutter fand eines Tages eine tote F. in unserem Auto, die sich offenbar dorthin verirrt hatte. Das Exemplar fristete daraufhin sein Dasein in unserer Anbauwand.

 

Mit Taschenlampen suchen unsere zwei Experten die Bäume nach geeigneten "Quartierstrukturen" ab, kleine Höhlen, Ritzen oder Spalten. Der Park mit seiner Mischung aus sehr alten und jungen Bäumen ist ein Paradies für Fledermäuse; geeignetes Futter in Form von Insekten schwirrt über die umliegenden Teiche und die Weiße Elster. Eines der größten Fledermausquartiere befindet sich allerdings in den Grünauer Plattenbauten, deren Flachdächer offenbar ziemlich gemütlich für die Tiere sind, die sich gern in Scharen aneinander kuscheln.

 

Jetzt springt auch der Fledermausdetektor an, ein Gerät, das die Ultraschall-Laute der Tiere für das menschliche Ohr hörbar macht und es auch ermöglicht, verschiedene Arten voneinander zu unterscheiden. Am nächtlichen Himmel schwirrt es hin und her, die Fledermäuse sind da!  An einer Brücke wird ein etwa 10x6 Meter großes sog. Puppenhaarnetz (s. Foto) befestigt. "Auf Netzfang gehen" heißt das in der Fachsprache, auf diese Weise können Untersuchungen über Art, Alter und Geschlecht der Tiere gemacht werden. Uns geht in dieser Nacht keine Fledermaus ins Netz, dafür lernen wir Leisleri kennen: Die Kleinabendseglerin (latein.: Nyctalus leisleri) lebt im Haushalt einer der beiden Fledermaus-Experten. Nach einer Verletzung kann sie leider nicht mehr fliegen, dafür dient sie jetzt als Vorführobjekt. Sehr klein und verwundbar erscheint sie, und trotzdem sehr lebendig, wie sie sich an der Hand ihres Halters entlanghangelt und sich hartnäckig gegen die Versuche wehrt, ihre Flügel in voller Pracht vorzuzeigen.

 

Was man selbst zum Schutz von Fledermäusen beitragen kann, die durch intensive Land- und Forstwirtschaft und die Vernichtung natürlicher Lebensräume gefährdet sind, erfährt man u.a. auf der Seite www.fledermausschutz.de. In diesem Sinne: Carpe noctem!

 

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Tod im Tresor

Bildrecht: Wolf Erlbruch
Bildrecht: Wolf Erlbruch

"Mors certa, hora incerta" - die Uhr am Neuen Rathaus verkündet es seit mehr als 100 Jahren. Doch wer will sich in unserer Spaß- und Erlebnisgesellschaft schon mit dem Tod auseinandersetzen? Die Ausstellung "Vanitas - Tod im Buch" im Buch- und Schriftmuseum (noch bis 22.9.) hat jedenfalls keinen sehr großen Zulauf. Während meines etwa einstündigen Besuchs bin ich völlig allein im "Tresor", einem etwa 40 qm großen Raum, in dem außer der Belüftung, die sich von Zeit zu Zeit einschaltet, völlige Stille herrscht.

 

Kaum zu glauben, dass es mal so was wie ein Kunst des Sterbens (Ars moriendi) gab, quasi eine Einübung auf den Tod mitten im Leben. Die Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben staatstragende Titel wie "Vado Mori, Das ist: Bereitschaft zum Tod, oder Der Weg alles Fleisches, durch eine ordentliche Todten-Procession" oder "Ein ernstlicher Blick in die Ewigkeit oder Betrachtungen über die vier letzten Dinge des Menschen sowohl für Geistliche als Weltleute". Etwas näher ist mir da schon die Idee des barocken Welttheaters, das an die Eitelkeit und Nichtigkeit unseres Lebens gemahnt. Wer kennt nicht das Motiv des Vanitas-Stillebens mit welken Blumen und Totenkopfschädel oder Gryphius' Verse "Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden".

 

Abseitiges bietet die Rubrik "Der Tod als Lehrer": Im Buch "Ein anatomischer Totentanz" (1926) posiert eine nackte Dame, auf der Seite gegenüber nimmt ein Skelett exakt dieselbe Stellung ein. Zielgruppe: Nekrophile? Nicht fehlen darf in diesem Reigen die Romantik mit ihren düsteren Visionen, allen voran William Blakes Illustrationen zum Poem "The Grave" von Robert Blair, entstanden 1808 in England, der Wiege des "Gothic style". Für unsere Gegenwart schließlich steht die Todesdarstellung im Comic und im Kinderbuch: Hier Humor, Horror und unverhüllte Gewalt, da die zarte Bilderbuch-Geschichte eines Wolf Erlbruch ("Ente, Tod und Tulpe").

 

Über viele Autoren und ihre Werke möchte man mehr erfahren, etwa über Melchior Grossek und seinen eindrücklichen Scherenschnitt-Zyklus "Gestalten des Todes". Doch diese Hintergrundinfos fehlen der Ausstellung leider, so dass oft nur ein oberflächlicher Eindruck entsteht und es dem Besucher überlassen bleibt, später im Internet zu recherchieren. (Grossek war ein Berliner Priester, der mit seinen Scherenschnitten seinen im Ersten Weltkrieg gefallenen Brüdern ein Denkmal setzte.)

 

Fazit: Ein kurzer Abriss zum Thema, das in der Breite und Tiefe sicherlich größere Möglichkeiten geboten hätte. Zumal das Deutsche Buch- und Schriftmuseum durch die Anbindung an die benachbarte Nationalbibliothek Zugriff auf einen riesigen Fundus an entsprechenden Büchern hat.

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Bürger-Restaurant

Der junge Mann, der für das Foto sein Essen (Tisch l.u.) kurz verlassen hat, überlegt mit mir zusammen, wie es zu diesem hübschen Dreier ("Dürüm Döner Bürger") kommen konnte. Mussten da noch zwei übrig gebliebene Punkte sinnvoll verwertet werden? Musste sich das "u" dem ästhetischen Gesamteindruck fügen (und zum "ü" werden)? Oder ist es, so wie es da steht, womöglich vollkommen ernst gemeint ...

Vielleicht hätte ich einfach einen "Bürger" bestellen sollen, um mehr Klarheit in die Sache zu bringen. Stattdessen lasse ich mir einen Dürüm zubereiten und stelle keine unangenehmen Fragen. Die hungrige Schlange beim Libanesen in der Riebeck-Straße ist gerade ziemlich lang ...

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Riesen-Wurz im Rampenlicht

Das Ereignis des Jahres? Ganz klar: Die blühende Titanenwurz! Gegen 16 Uhr erreicht mich ein Tweet der Uni Leipzig "Blüte der Titanenwurz im Botanischen Garten hat begonnen, heute verlängerte Öffnungszeiten". Titanenwurz? Nie gehört. Ich klicke auf den Link und gelange zur Website des Botanischen Gartens, wo recht dramatisch angekündigt wird: "Das Warten auf die Titanenwurz hat ein Ende - sie beginnt sich zu öffnen!" Ich werde darüber aufgeklärt, dass so eine Titanenwurz nur alle paar Jahre blüht, in Leipzig zuletzt 2000 und 2008. Ein wahrhaft epochales Ereignis also. Ich könnte das Aufblühen der Titanenwurz jetzt per Webcam im Internet verfolgen, aber das Fieber hat mich gepackt: Ich muss vor Ort dabei sein.

 

Bei meiner Ankunft lerne ich erst einmal, dass der Botanische Garten in Leipzig der älteste Deutschlands ist - als hätte die Stadt nicht schon genug Superlative dieser Art vorzuweisen. Nun denn: Vorbei am gelbblättrigen Trompetenbaum spaziere ich mit einigen Abschweifungen nach rechts und nach links zu den Gewächshäusern. Die beiden Frauen an der Kasse sind freudig erregt, das Telefon klingelt beständig und man teilt den Anrufern mit, "das Ereignis ist jetzt eingetreten" und "ja, es ist jetzt die beste Zeit vorbeizukommen". Die Titanenwurz beschert ungeahnte Besucherzahlen, wie schön. Auch ich bezahle meine vier Euro und darf in die heiligen Hallen eintreten.

Vor einem phallusartigen Gewächs lassen sich gerade zwei junge Damen fotografieren - ah ja, die Titanenwurz, deren lateinischer Name nicht umsonst Amorphophallus titanum lautet.

 

Es herrscht eine Art Volksfest-Stimmung. Überall haben sich kleine Grüppchen gebildet, ein Mitarbeiter klärt ein paar Rentner über Entwicklung und Verfall der Titanenwurzblüte auf, an anderer Stelle tauschen sich Hobby-Fotografen über die geeignete Kombination von Blende und Verschlusszeit aus. Vor dem imposanten Gewächs ist eine kleine Treppe montiert. Geht man die Stufen hinauf und beugt den Oberkörper nach vorn, kann man direkt in den Titanenwurzblütenschlund schauen. Woher kommt nur die dicke Wolke von Schmeißfliegen, die das königliche Geblüt umschwirrt und sich respektlos auf ihm niederlässt? Ich erfahre: Es ist der Aasgeruch, den die Titanenwurz während ihrer Blüte verströmt; normalerweise lockt dieser im Urwald Käfer an, die für die Bestäubung der Pflanze sorgen.

Ich entfliehe dem Gestank und der wachsenden Menschenmenge in Richtung Sukkulenten-Sammlung. Wieder zu Hause, schaue ich per Webcam weiter zu, wie sich die größte Blüte der Welt weiter öffnet. Ein wahrhaft erhebendes Ereignis!

 

 

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Keine Wonnen in Connewitz

"Alles, alles Gute für die Re-Ko. Wir wollen wieder Rehkitze sehen!" Das Spielwarengeschäft Wonnecitz hat viel positiven Zuspruch erhalten, nachdem die fantasievolle Fassadengestaltung Anfang Juni brutal übersprüht wurde. Die Tafeln, auf denen die Connewitzer ihrem Unmut und ihrer Verständnislosigkeit Luft gemacht haben, sind zum festen Bestandteil des Geschäfts geworden. Ein Neuanstrich ist vorerst nicht in Planung, er würde wohl nicht lange halten. Schließlich gibt es ein anonymes Bekennerschreiben, das die Aktion vor dem Hintergrund der Gentrifizierungsdiskussion zu rechtfertigen versucht (s.u.). Sinnlose Gewalt ist jedoch keine Lösung. Und ein Exempel an einem Kinderladen zu statuieren, dessen Inhaberin mit viel Engagement zur Vielfalt des Stadtteils beiträgt, ist ziemlich armselig. Gewonnen wurde also nichts. Stattdessen steht das Wonnecitz jetzt wie ein trauriges Symbol für die Probleme da, die im Kiez seit Jahren brodeln.

 

Hier ein paar Links zum Thema Gentrifizierung in Leipzig:

http://www.conne-island.de/nf/192/4.html

http://jule.linxxnet.de/index.php/2013/02/gentrification-im-visier-der-sicherheitsbehorden/

http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=10077

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Grillhähnchen passé

"Täglich frische Hähnchen" gibt's nicht mehr am Connewitzer Kreuz - und auch der seines Innenlebens beraubte Verkaufsstand steht jetzt schon nicht mehr da. Seit März wird hier ein neuer Rewe-Markt gebaut, auf 1400 qm wie es heißt. Ob der eher verschlossen wirkende Neubau (siehe http://www.dnr-leipzig.de/projekte/projekt-dateien/1011.php) noch Platz lässt für die bunte Szene, die sich hier mal versammelt hat - die lärmenden Punks, die Imbiss-Buden, das täglich aufs Neue aufgebaute Bekleidungsangebot, das mit Vorliebe von alten Damen begutachtet wurde? Auch persönliche Erinnerungen hingen am Alt-Rewe, vormals Marktfrisch. Als Studentin habe ich hier morgens um 5 Joghurt und Milch in die Regale sortiert, den Salat vom Vortag beschnitten, damit er wieder frisch aussieht, und pünktlich um 8 Uhr die ersten Bierjunkies an der Kasse begrüßt.

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